Und die Vicentini essen Katzen…

Jeden Morgen wenn ich von meiner Wohnung zur Stazione laufe um dort den Bus zu nehmen, habe ich den perfekten Blick auf die Alpen und jedes Mal halten ich für einen kurzen Moment den Atem an. Es ist einfach wunderbar zu sehen, wie in der Stadt die Osterglocken blühen und auf den Bergen der Schnee strahlt. Heute hingen zwar ein paar Wolken davor, nichts desto trotz habe ich endlich einmal daran gedacht diesen Anblick für euch festzuhalten. Am besten macht man es morgens, da es sich im Moment zum Abend hin immer zuzieht und eventuell auch mal regnet!

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Die schönsten Entdeckungen in einer Fremden Stadt macht man ganz unerwartet. Für mich bedeutet das, man vergisst den Stadtplan und verlässt sich auf sein Bauchgefühl, was einen eigentlich immer an den richtigen Ort bringt.

Trotzdem freue ich mich, dass ich heute Vormittag die Führung von Lisa hatte. Da sie aus Vicenza kommt konnte sie uns viel zu der Stadt erzählen und es auch sehr lebhaft präsentieren. Zudem bin ich glücklich darüber, weil ich jetzt etwas mehr über die Geschichte und die Geheimnisse dieser, zauberhaften Stadt weiß.

Es gibt in Italien ein Sprichwort über diese Region hier, das wohl auch so gut wie jeder Italiener kennt:

„Venessiani gran signori / Padoani gran dotori / Veronesi tuti mati /
Visentini magnagati.“

Man sagt also:
„ Venezianer sind große Herren / die aus Padova sind großartige Ärzte / die aus Verona sind alle verrückt /
die aus Vicenza essen Katzen.“

Dieses Sprichwort lässt sich wohl auf das 17. Jahrhundert zurückführen. In dieser Zeit gehörte Vicenza zu Venedig und um eine Mäuse- und Rattenplage zu bekämpfen und somit die Pestgefahr einzudämmen, schickten die Venezianer eine „Katzenarmee“ nach Vicenza.

Nach einiger Zeit verlangten die Vicentini aber nach mehr Katzen, wohl um einen großen Palast von weiteren Mäusen zu befreien, gaben die Katzen aber nie zurück. Also sagte der Venezianische Stadthalter: „Die in Vicenza müssen die Katzen wohl essen, wenn sie nicht zurückgeschickt werden.“

Aber keine Sorge, man findet auf keiner Speisekarte „gatto“, also die Katze.

Auf der anderen Seite der Bahnlinie, liegt die Stadt Vicenza auf einem Berg. Im Zentrum der Kuppel und aus jedem Winkel der Stadt zu sehen (auch von meinem Zimmer aus.) , liegt der Dom der Stadt. Der Dom stammt ebenfalls aus Zeiten der Pest und ist nicht nur durch Zufall dort erbaut worden. Es gibt die Geschichte, dass eine Frau dort oben Schafe gehütet hat, als ihr die Madonna erschienen ist. Sie sagte zu ihr, dass die Stadt dort eine Kirche erbauen solle und die Pest wäre vorbei. Daraufhin wurde eine kleine Kirche so schnell es ging gebaut und tatsächlich verschwand die Pest kurz nach der Fertigstellung. Später wurde die Kirche weiter ausgebaut und ist zu einer Kathedrale mit großem Platz geworden, die al Pilgerstätte vieler Katholiken dient.

Ich werde sie mir in den nächsten Tagen anschauen.

Allgemein ist es auch nennenswert, dass die Gründung der Stadt Vicenza auf das Jahr 600 v. Chr. zurück geht. Die Römer sorgten später dafür, dass eine gewisse Infrastruktur mit Straßen und dem Hauptplatz, (hier steht mittlerweile die im 16. Jahrhundert von Andrea Palladio erbaute Basilika. Die als Gerichtsgebäude und überdachter Marktplatz diente.) entstand. Die Reste der originale Stadt liegen mittlerweile etwa vier bis sechs Meter unterhalb der heutigen Straßen und sind an einigen Stellen in der Stadt erhalten und zu besichtigen.

P1000986Architektonisch ist die Stadt ein Meisterwerk. Besonders im 16. Jahrhundert baute der Architekt Palladio viele Gebäude im Antiken römischen Stil, die er aber nicht nur schön ausschauen ließ, sondern auch nutzbar machte. Zudem muss man einfach erwähnen, dass Palladio ein sehr sparsamer Bauherr war. Vicenza wirkt, als sei alles aus Marmor gebaut, aber das täuscht. Palladio verwendete lediglich Ziegelsteine, die verputzt und bemalt wurden. An machen Gebäuden kann man das sehr gut erkennen, was daran liegt, dass Palladio während der Erbauung verstarb und sie nicht komplett fertig gestellt wurden.

In den nächsten Wochen werde ich definitiv noch nach Verona fahren um mir Julias Balkon anzuschauen, um die Häuser der Familien Capulet und Montague anzuschauen, um zu sehen, wo die Tragödie von statten ging. Nur das ich jetzt weiß, dass Shakespeare von alleine nie auf diese grandiose Idee gekommen ist und ohne einen Vicentino niemals einen so großen Erfolg mit seiner Tragödie „Romeo und Julia“ gefeiert hätte.

P1000988Die Ursprüngliche Novelle stammt von Luigi da Porta, geboren und gestorben in Vicenza. Die Villa in der er verstorben ist, liegt im Stadtzentrum von Vicenza. Nur an einer kleinen Tafel ist zu erkennen, dass er dort gelebt hat und gestorben ist. Seine Novelle, basierend auf wahren Familien und mit Autobiografischen Zügen, erfreute sich keiner großen Bekanntheit, bis Shakespeare es in eine Tragödie umschrieb und die Familie Capulet Julias Balkon an ihr Haus bauen lies, der bis heute noch zu besichtigen ist.

Allerdings muss man dazu sagen, dass lediglich Verona und Shakespeare davon profitierten. Selbst in Vicenza wissen die wenigsten, dass ein Vicentino die Idee dazu hatte.

Ich empfehle jedem trotz einer Führung, in der man die Stadt auf eine meist intellektuelle Art kennen lernt, auch einfach mal ohne Stadtplan zu erkunden. Man glaubt gar nicht, was sich hinter den Toren der Häuser verbirgt. Der Reichtum hier ist meistens hinter großen Holztoren verborgen, aber öffnen sie sich erst einmal erhascht man einen kleinen Blick in die Welt der reichen Vicentini. Man schaut in blühende Gärten, auf Wandbrunnen und Fresken, wie man sie an der Außenfassade nicht zu Gesicht bekommt. Je mehr man sich von dem Touristen entfernt, der man durchaus sein darf, desto näher kommt man dem italienischen Leben, dass mir um so einiges langsamer, aber trotzdem intensiv erscheint, als das unsere.

Aber inwiefern es sich unterscheidet und ob es überhaupt stimmt, werde ich noch ausgiebig erkunden. 😉

Bis dahin                     A presto                  eure Clara

Veröffentlicht von

Clara Merkel

-Als gelernte Schneiderin nach Minnesota-

Seit August ’17 bin ich in den USA. Ich habe, dank des Parlamentarischen Patenschafts-Programms die Möglichkeit ein Semester an der St. Cloud State University zu studieren und danach in Amerika arbeiten zu dürfen.
Hier halte ich meine Erlebnisse und Erfahrungen und vielleicht auch mal einen Nähtip fest.
Viel Spaß ;)

Ein Gedanke zu „Und die Vicentini essen Katzen…“

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