Ein Wunderland aus Geschichte und Seide

Zusammen mit Aurélie, einer französischen Praktikantin versuche ich seit Montag Italienisch zu verstehen und zu lernen, und es tut gut zu sehen, dass es nicht nur mir schwer fällt. Marina, die Chefin der Schneiderei, sowie alle Kollegen sprechen nur Italienisch mit uns. Tatsächlich kann Martha auch deutsch, was das ein, oder andere Mal sehr hilft.

Mein erster Tag im Atelier von Stefano, war sehr anstrengend für mich! Mir war nicht bewusst, wie schwer es mir fallen würde mich auf das Nähen und Italienisch verstehen zu konzentrieren. Heute und gestern dagegen waren aber entspannt, da ich mich langsam an den Arbeitsalltag in Italien gewöhne und ich es nicht ganz so schwer nehme, dass die neue Sprache nun mal nicht über Nacht perfekt im Kopf ist.

Gestern hatten wir zwei Praktikantinnen das Glück, dass wir zu einer Präsentation von Stefano dazukommen konnten und ein wenig über die Geschichte des Kostüms lernen konnten, was einerseits sehr interessant war, andererseits aber auch ein wenig eklig und abstoßend!

Stefano beschränkte sich auf das 16. bis 18. Jahrhundert, wobei ich erst zu Versaille-Zeiten dazustieß. Zu dieser Zeit waren besonders weiße Perücken in Mode. Bis heute habe ich mir nie groß Gedanken darüber gemacht, wie diese teils hoch aufgetürmten Perücken hergestellt wurden. Aber eigentlich ist ja klar, dass es damals nur Echthaarperücken sein konnten. Wie hat man jetzt aber die Haare so weiß bekommen, wie die Mode es verlangte (man muss bedenken, dass die Chemie zu dieser Zeit noch nicht so fortgeschritten war, wie heute!) ? Im Grunde genommen war es ganz einfach: man nahm das, durch das Alter, ergraute und weiß gewordene Haar Verstorbener und knüpfte Perücken daraus.

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Interessant ist es meiner Meinung nach zu wissen, wie eine bestimmte Form des Rokokokleides entstanden ist. Als das Panier in Mode kam, bestand ein solches Kleid, aus einem ausladenden Rock und eine sehr eng anliegenden Korsage, die bei der Schwangerschaft durchaus ein Problem darstellen konnte, da es nicht gut angesehen wurde, wurde die Schnürung offensichtlich lockerer gebunden.

Eine Frau hatte zu diesem Zeit meist maximal 5 Kleider im Schrank, da man für eines etwa zwanzig Meter und mehr benötigte und die Venezianische Seide nicht gerade Preiswert war.

Aus dem 18. Jahrhundert, zu den Zeiten von Marie Antoinette, kennt man aber ebenfalls Kleider, die Im Rücken eine Schleppe haben, welche am rückwärtigen Halsausschnitt in Falten gelegt wurde und den Rücken verhüllen. Die Korsage lag verdeckt auf der Innenseite und konnte unbemerkt loser gebunden werden. Diese Mode wir auf eine Schauspielerin am Hofe von Louis XIV zurückgeführt, die schwanger wurde, dementsprechend ihre Korsage lockerer binden, aber nicht zum Gespött der Leute werden wollte.

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Der Faltenrücken des französichen Kleides. Er verbarg die locker schnürbare Korsage

Belustigt, aber zu gleich ein wenig angewidert hat mich folgende Tatsache: Das Schoßhündchen. Das Schoßhündchen kam im 17. Jahhundert aufgrund fehlender Körperhygiene in Mode. Im Adel wollte man sich vom Pöbel abheben (braun gebrannt, athletisch, daher meist schlank), daher schminkte man sich sehr dick weiß, legte wenig wert auf die Figur (sie wurde ja durch das Korsett geformt) und aß soviel man konnte (das Geld dazu war ja da) und bewegte sich wenig. Durch diesen Zustand kam es, dass sich Ungeziefer auf dem Körper herumtrieb und für das Körper jucken sorgte. Abhilfe schuf man sich durch ein Schoßhündchen, es konnte auch eine Katzen sein, die man auf dem Arm herumtrug, in der Hoffnung, dass das Ungeziefer lieber auf ihnen Platz nahm.

Jetzt aber auch noch etwas zu dem Venezianischen Karneval. Wenn man in Venedig ist gehört es einfach dazu sich die Läden voller Masken anzuschauen und sich ein wenig mit dem Venezianischen Karneval auseinander zu setzen.

Durch die Zeit hinweg wurde in Venezia der Venezianische Karneval immer größer. Man sagt , dass er kurz nach Weihnachten begann und das ganze Jahr über dauerte. Was mit einem Spaß begann, wurde mit der Zeit immer gefährlich, und man sagt heute, dass der Venezianische Karneval unter anderem für das Ende des reichen Venetien geführt hat. Der Karneval gab jedem (besonders aber dem Adel) die Möglichkeit unerkannt zu bleiben.

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Zu der Kleidung gehörten ein schwarzer langer Capemantel mit kurzer Pellerine, sowie eine schwarze Haube, um die Weißen Haare zu verbergen, eine weiße grobe Maske und ein Dreispitz, der diese fixierte. Die Maske hatte die Funktion, dass sie geschlechtsneutral war und zudem die Stimmen veränderte. Jeder konnte also in die Kasinos gehen, Spielschulden konnte nicht nachgewiesen werden. es gab die Möglichkeit sich mit der oder dem Geliebten in der Öffentlichkeit zu zeigen und unerkannt zu bleiben. Die Verkleidung sorgte aber tatsächlich auch für Intrigen und viele ungeklärte Morde in Venedig.

Das Atelier von Stefano Nicolao liegt direkt an einem kleinen Kanal und ist größer, als das Schaufenster es im ersten Moment wirken lässt. Aber mit jeder Mittagspause, die Aurélie und ich haben, entdecken wir ein wenig mehr dieser Zauberwelt und versuchen die vielen Stoffe, Farben und Eindrücke so gut es geht im Gedächtnis und mit der Kamera festzuhalten.

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Ein Bruchteil der Stoffauswahl aus einem der Lager

Das Atelier ist eher lang als Breit und man glaubt gar nicht, wie tief es in die Häuser hinter dem Ladenfenster hineinreicht. Es ist reich mit eingerahmten Bildercollagen ausgestattet, die einem nur ansatzweise die Ahnung geben, für was dieses Atelier alles gearbeitet hat. Stefano Nicolao hat sich auf historische Kostüme spezialisiert und ist mit einer der besten weltweit die Originale sammeln um sehr gute Kopien davon herstellen, die auf Theaterbühnen, oder auch in Filmen zu sehen sind.

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Die obere Knopfleiste mit Stickerei stammt aus dem 18. Jahhundert. Die untere ist eine Kopie, die auf den alten Stickereien basiert.

Unter anderem hat er Kostüme für die Filme „Elizabeth“ (1998), der „Kaufmann von Venedig“ (2005) und die aktuelle Serie „Outlander“ (2015) hergestellt. Es ist verrückt und kaum zu glauben, wenn man dann die Mitarbeiter kennenlernt, da sie sich offensichtlich nicht viel daraus machen, da es einfach ihre Arbeit ist und sie schon die kommende Produktion in den Fingern haben.

Ich habe großes Glück, in dieser Werkstatt arbeiten zu können und zu sehen, welche Unterschiede es zu meiner deutschen Werkstatt gibt. Aber dazu mehr, wenn ich alles ein wenig sacken gelassen habe.

A presto                eure Clara

 

Veröffentlicht von

Clara Merkel

-Als gelernte Schneiderin nach Minnesota- Seit August '17 bin ich in den USA. Ich habe, dank des Parlamentarischen Patenschafts-Programms die Möglichkeit ein Semester an der St. Cloud State University zu studieren und danach in Amerika arbeiten zu dürfen. Hier halte ich meine Erlebnisse und Erfahrungen und vielleicht auch mal einen Nähtip fest. Viel Spaß ;)

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