Von Endlosigkeit und rennender Zeit

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Seit zwei Wochen bin ich jetzt schon in Italien und ich habe das Gefühl sie sind geflogen. Die letzte Arbeitswoche ist vergangen wie im Flug, und das liegt, denke ich hauptsächlich daran, dass ich mich sehr wohl in dem Betrieb fühle. Im Grunde genommen unterscheidet er sich tatsächlich nicht so sehr von einem Theater. Er ist kleiner und hat keine Bühnen, was bedeutet, dass die Technikabteilung wegfällt. Aber es gibt eine Schneiderwerkstatt für Damen und Herren, Modisten und eine Requisite. Dazu noch Büros für die Verwaltungsarbeit, ein Fundus voller traumhafter Kostüme und ein Stofflager. Sogar Boxen für Durchsagen sind in jedem Raum angebracht, sowie Telefone. Das alles sorgt dafür, dass es mir sehr vertraut vorkommt.

Aber natürlich gibt es auch Unterschiede und die liegen, soweit ich das bisher erkenne konnte, hauptsächlich in der Qualität der Arbeitsutensilien. Die Scheren sind nicht so scharf, die Nadeln sehr verbogen und wann die Maschinen das letzte Mal wirklich gereinigt wurden, weiß ich auch nicht. Aber es wäre mal wieder nötig. Anders ist auch, dass jedem eine Maschine zugeordnet ist, man dadurch aber kaum nutzbare Arbeitsfläche hat, außer man geht an einen der zwei großen Zuschneidetische, was aber wiederum bedeutet, dass man die meiste Zeit am stehen ist, was ich weder kenne, noch gewöhnt bin, da wir in Deutschland alle einen Arbeitstisch haben und dann die Maschinen teilen. Auch die Bügelanlagen sind hier anders. Zwar handelt es sich um Dampfbügeleisen, wie ich sie kenne, allerdings kann man nur bei einer Anlage den Dampf absaugen und dass ist noch dazu kaum zu merken.

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Die letzte Woche war ich damit beschäftigt zuerst zuarbeiten zu machen, was ich auch gar nicht so schlimm fand. Denn es gab mir die Chance mich ohne große Fehler machen zu können einzugewöhnen und zu begreifen, wie gut ich die Sprache tatsächlich verstehe. Ich steckte also, bügelte viel und nähte Kleinigkeiten, was mich aber auch schon an meine Grenzen brachte. Und ich dachte immer Röllchen annähen wäre einfach!

Donnerstag und Freitag habe ich dann mit Aurélie in der Requisite verbracht. Zusammen mit Guilleme und Alberto haben wir Engelsflügel für den Verleih hergestellt. Dazu wurde Schaumstoff in Form geschnitten, mit Draht und Stofflagen beklebt und dann in wirklicher Geduldsarbeit, nach und nach mit Federn beklebt! Unfassbar, wie lange so etwas braucht und wie heiß Heißkleber sein kann.

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Zu Ostern haben Aurélie und ich uns überlegt, dass es nett wäre ein wenig Aufmerksamkeit zu zeigen und so bereiteten wir für jeden ein kleines Überraschungsgeschenk vor, was zu unserer Freude wirklich gut ankam!

Der Frühling hat hier in Norditalien nun endlich endgültig Einzug erhalten und ich habe das Glück, die Osterfeiertage am Gardasee zu verbringen. Für zwei Nächte bin ich dorthin gefahren und es war eine super Entscheidung. Wir hatten uns für den Ort Desenzano del Garda entschieden, etwa eine Dreiviertelstunde von Vicenza entfernt, an der Südspitze des Sees. Da unser Hotel ein Problem mit der Klimaanlage hatte wurde uns ein anderes angeboten. Und so verkürzte sich unser Weg zum See, von fünfzehn Minuten auf ganze dreißig Sekunden.

Der Gardasee hat eine unglaubliche Weite und Endlosigkeit und wird von eher kleinen Städten gesäumt. Zu erreichen sind sie zum Teil mit dem Zug aber in den meisten Fällen, wie zum Beispiel die Halbinsel Sirmione nur mit dem Auto, oder mit der Fähre.

Der Ort Desenzano ist an einem Hang gelegen. Die Innenstadt ist eine hübsche Ansammlung von Gassen in denen Cafes, Restaurants und kleinen Läden aneinandergereiht sind. Oberhalb thront eine noch belebte Burg, von der man die Weite des Gardasees gerade so erahnen kann und einen wirklich wunderbaren Blick erleben kann. Leider kann man sich das Gemäuer nicht von innen anschauen.

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Das Wasser des Sees ist klarer als so manches Meer, dass ich bisher gesehen kann. Man kann an sehr vielen Stellen bis auf den Grund schauen und die Fische schwimmen sehen. Leider war die Luft- und Wassertemperatur noch zu kalt für ein Bad im See, zudem war es schier unmöglich einen Strand zu finden. Die Promenade am See entlang besteht in Desenzano lediglich aus aufgetürmten Steinen, die sehr steil in das Wasser hineinreichen.

Auf der Hauptstraße, die direkt am Fähranleger liegt, war über das Wochenende ein kleiner Markt mit Italienischen und Südtiroler Spezialitäten aufgebaut. Es wurde Schmuck, aber auch Schokoladenspezialitäten, Käse und Brezeln, sowie Obst angeboten. Und da das Wetter zum ersten Mal, seitdem ich hier bin, auch am Abend noch toll war, saßen wir am Seeufer mit einer Schale wirklich schmackhafter Erdbeeren und schauten uns den dunkler werdenden Himmel und die immer leuchtenderen Lichter am gegenüberliegenden Ufer an.

Sirmione ist ein kleiner Ort, der wie ein Steg in den See hineinreicht. Schon die Römer nutzen die Halbinsel als Ferienort und erbauten dort Sommerpaläste. Die Grundmauern einer dieser Villen ist heute noch zu besichtigen, leider haben wir es bis zu der Spitze der Insel nicht geschafft, da die Gassen Sirmiones uns sehr im Griff hatten.

Beide Städte haben einen Venezianischen Charakter, nicht nur auf Grund der schmalen Gassen und der schönen Architektur, sondern auch aufgrund der unglaublich vielen Touristen, die sich in Irrsinnigen Menschenströmen von Laden zu Laden schieben!

Auch in Sirmione liegt eine Burg. Sie ist von einem Wassergraben eingeschlossen und hat tatsächlich einen eigenen kleinen Hafen. Die Burg markiert die schmalste Stelle des Ortes und teilt ihn. Um von einer Hälfte in die andere zukommen muss man durch einen Torbogen. Ein Akt, denn dort schieben sich dicht aneinander gedrängt von beiden Seiten die Menschen Zentimeter für Zentimeter vorwärts. Auch wir haben das gemacht, nur um festzustellen, dass wir von der schönen Altstadt auf die Hotelseite gelangt waren und es abgesehen von diesem Tor keinen einzigen Weg zurück gibt. Also alles wieder von vorne und ab durchs Tor. Für jeden, der Sirmione mit dem Boot besucht: es lohnt sich wahrlich nicht durch diesen Torbogen zu gehen, die Burg sieht auch von der sichtbaren Seite wunderbar aus, und nutzt lieber die Zeit in die andere Richtung zu gehen und schaut euch die Ruinen an der Nordspitze der Insel an, ich denke, das lohnt sich wirklich!

Auch wenn mein Ostern hier in Italien anders war, als ich es gewohnt bin konnte ich doch auf eines nicht verzichten: Mein Osternest!

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In diesem Sinne: Buona Pasqua e a presto, eure Clara

Veröffentlicht von

Clara Merkel

-Als gelernte Schneiderin nach Minnesota- Seit August '17 bin ich in den USA. Ich habe, dank des Parlamentarischen Patenschafts-Programms die Möglichkeit ein Semester an der St. Cloud State University zu studieren und danach in Amerika arbeiten zu dürfen. Hier halte ich meine Erlebnisse und Erfahrungen und vielleicht auch mal einen Nähtip fest. Viel Spaß ;)

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