„Calm Down Mother“

Ich habe seit langem nicht mehr so intensiv über meinen Beruf nachgedacht, wie in den letzten Tagen. Während meiner Ausbildung, wurde für mich immer klarer, dass ich in der Kostümabteilung eines Theaters gut aufgehoben bin. Aber ich habe mich nie getraut in Erwägung zu ziehen, dass Kostüm- oder Bühnenbild, geschweige denn Regie ein Feld für mich wären. Also warum darüber nachdenken, wie man ein Stück gestalten, also inszenieren könnte?

In den letzten Wochen habe ich mich anders mit dem Theater auseinandergesetzt, als ich es in meiner Ausbildung oder Schulzeit getan habe. Viel intensiver und offener gedacht. Durch meine Fächer wird meine Kreativität endlich mal wieder etwas angeschubst. Die Vorstellungskraft ist aktiviert und es entstehen Bilder beim Lesen eines Textes.

Women 1, 2 & 3

Wenn ich also ein Stück auf die Bühne bringen würde, wäre es im Moment „Calm Down Mother“ von Megan Terry aus dem Jahr 1965. Ein feministisches Stück, ohne dabei aufdringlich zu sein! Eigentlich müsste an dieser Stelle eine Zusammenfassung folgen, die den Inhalt knapp wiedergibt. Aber es ist kein klassisches Stück, es gibt keinen klassischen Spannungsbogen mit Höhepunkt. „Calm Down Mother“ besteht aus elf Szenen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Es braucht drei Darstellerinnen, die viele Rollen übernehmen. In manchen Szenen sind sie als namenlose Frauen zu sehen. Sich mit ihren Charakteren zu identifizieren fällt leicht, gerade weil sie namenlos sind. Jeder Mensch könnte sagen und denken, was sie ausdrücken. Gedanken im Raum.

Die Momente zwischen diesen Episoden, stellen Momente aus dem Leben von unterschiedlichen Frauen dar. Eine Tochter, die mit ihrer konservativen Mutter über Verhütung diskutiert. Zwei frustrierte Seniorinnen. Drei Callgirls. Aber alle Szenen haben eines gemeinsam: Sie stellen sich den Fragen, was eine Frau ausmacht, was ihre Aufgabe im Leben ist! Sind wir Gebärmaschinen, oder dürfen wir selber entscheiden, wer wir sein möchten?

In unserer heutigen Welt mag das überspitzt wirken, Verhütung ist mittlerweile ein gesellschaftsfähiges Thema und Frauen dürfen den Beruf ausüben, den sie sich aussuchen. Und vielleicht würde diese Form, die sich Megan Terry für ihr stück ausgesucht hat, auch nicht mehr schocken, haben wir doch schon so viel abstraktes zu Gesicht bekommen. In den sechziger Jahren war dieses Stück revolutionär. Es hält sich nicht an die von Aristoteles vorgegebenen Regeln. Es handelt sich um ein Theaterstück von einer Frau, mit Frauen, über Frauen und FÜR Frauen. Und DAS in einer Männerdomäne wie dem Theater!

Letzte Szene: Sue und Mum

Tatsächlich ist es ein weiches Stück, angenehm in einer wunderbar eleganten Sprache geschrieben. Anders als man es im ersten Moment von einer feministischen Stückeschreiberin erwartet. Trotzdem geht es unter die Haut und erzeugt einen Nachhall im Kopf, der zum Nachdenken einlädt. Das Stück hat etwas poetisches und einen Rhythmus, der einen mitnimmt. Gerade die Schlichtheit mancher Szenen macht sie besonders eindringlich und genauso würde ich es inszenieren. Zurückhaltend in Kostüm- und Bühnenbild, dass der Text und die Personen in den Vordergrund rücken. Der Text, teils im Chor gesprochen, bringt die drei Darstellerinnen enger zusammen und erzeugt ein Gruppengefühl, bei dem aber jeder immer noch individuell bleibt.

Wenn man die Individualität der einzelnen Personen herausstellen möchte, könnte man meinen, dass man einfach jedem Charakter dieses Stückes ein eigenes Kostüm anzieht. Das bedeutet dreiunddreißig Kostüme und schnelle Umzüge. Die Umzüge können machbar gemacht werden, das habe ich schon im Göttinger Theater zu sehen bekommen („Irrungen, Wirrungen“ nach T. Fontane, Spielzeit 16/17). Das man für eine kleine Produktion dreiunddreißig Kostüme zusammen bekommt ist fraglich. Tatsächlich braucht das Stück die auch gar nicht, da ich der Meinung bin, dass es von den Texten lebt. Ich möchte in den Mittelpunkt stellen, dass man sich mit diesen Charakteren identifizieren kann, dass man sich in sie hineinversetzen kann. Und dazu braucht es, wie ich finde eine neutrale Hülle. Ein hautfarbener oder unifarbener Body auf den man weitere Kostüme aufbauen kann. Ein Herrenhemd für ein Callgirl, ein schlichtes Etuikleid für die konservative Mutter und Shorts für die rebellische Tochter.

Es wäre eher Sprechtheater als eine unglaubliche Show. Aber gerade das ist es, was es doch eindringlich machen kann. wie auch immer, würde ich „Calm Down Mother“ gerne einmal auf der Bühne sehen.

Ich dachte während meiner Ausbildung, dass ich mit meiner Gesellenprüfung beruflich ankommen würde. Mittlerweile bin ich der Meinung, dass ich in den letzten drei Jahren solide Grundsteine gelegt habe, auf denen ich weiteraufbauen kann. Und ich bin sehr neugierig, was da noch kommt, auf jeden Fall steht mir im Moment alles offen.

See you soon,

eure Clara

Veröffentlicht von

Clara Merkel

-Als gelernte Schneiderin nach Minnesota- Seit August '17 bin ich in den USA. Ich habe, dank des Parlamentarischen Patenschafts-Programms die Möglichkeit ein Semester an der St. Cloud State University zu studieren und danach in Amerika arbeiten zu dürfen. Hier halte ich meine Erlebnisse und Erfahrungen und vielleicht auch mal einen Nähtip fest. Viel Spaß ;)

Ein Gedanke zu „„Calm Down Mother““

  1. Hi Clara,

    wieder ein super Text. Du bist in dem Programm genau richtig. Mal sehen, wo dich dein Weg hinführen wird. Du wirst noch viele Eindrücke gewinnen und das ist gut so. Auf deinem Fundament kannst Du sehr gut aufbauen.
    Dir eine schöne Woche mit vielen neuen Eindrücken.
    Grüße aus Kassel

    Matthias

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