Have a little patience…

Ich habe lange nachgedacht, wann ich über das Auswahlverfahren meines Austausch-Programms schreibe und auch mehrere Versuche gestartet. Das erste Mal war auf dem Heimweg vom Konsulat in Frankfurt, wo ich mein Visum beantragt habe, dann bei der Ausreise in die USA, weil ich dachte es sei vielleicht ein schöner erster Artikel und zu guter Letzt jetzt. Auslöser war, dass sich meine große Schwester entschieden hat mich über Neujahr besuchen zu kommen. Sie hat die Möglichkeit ihren Doktortitel in den USA zu machen und auf dem Weg in ihr neues Zuhause wird sie ein paar Tage bei mir Halt machen. Dass sie hierher kommen kann steht tatsächlich noch gar nicht so lange fest. Als ich ausgereist bin haben wir noch spaßeshalber gesagt, wie witzig es wäre, wenn wir uns das nächste Mal in den USA sehen würden. Erst im April dieses Jahres ist die ganze Sache langsam ins Rollen gekommen! Im September stand dann alles fest. So schnell es bei ihr voran ging, so langsam hat sich die Entscheidung ob ich in die USA gehen kann hingezogen.

Es gibt in Deutschland genau zwei Programme, mit deinen Auszubildende beziehungsweise junge Gesellen Auslandserfahrungen sammeln können und dabei finanziell unterstützt werden: ERASMUS+ und das „Parlamentarische Patenschafts-Programm“ (PPP).

Bild: Blick auf den Rio della Misericordia

Schon zu Beginn meiner Ausbildung hatte ich Lust für einige Zeit mit meinem zukünftigen Beruf im Ausland zu sein oder zumindest auch einen anderen Betrieb kennen zu lernen. Von einer anderen Auszubildenden habe ich erfahren, dass Auslandspraktika während der Ausbildung prinzipiell möglich sind. Sie selbst kam gerade von einem privat organisierten Aufenthalt in Irland zurück. Meine Ausbilderin erzählte mir zudem, dass sie schonmal eine Auszubildende in einen anderen Betrieb innerhalb Deutschlands geschickt hat. Als Austausch sozusagen.

Ich weiß nicht mehr wie genau ich darauf kam, aber vor zwei Jahren habe ich mich dann bei der Handwerkskammer in Kassel erkundigt, ob sie mir Informationen zu Auslandspraktika geben könnten. Zum Glück konnte mir Matthias Werner weiterhelfen. Er erklärte mir, dass ich mit ERASMUS+ innerhalb Europas ein Praktikum machen und mit dem PPP für ein Jahr in die USA gehen kann. Erasmus war mir schon immer ein Begriff gewesen, aber ich habe ihn nur mit Studenten und Auslandssemestern in Verbindung gebracht. Jedoch niemals mit einer Ausbildung. Mittlerweile weiß ich, dass das Programm für Auszubildende bis vor einigen Jahren noch DaVinci hieß, die beiden Programme aber leider unter dem bekannteren Namen ERASMUS+ zusammengefasst wurden.
Mit ERASMUS+ kann man während der Ausbildung bis zu vier Wochen und nach der Ausbildung sogar bis zu zweieinhalb Monate ins Ausland gehen. Dabei wird man finanziell von der EU unterstützt. Ich war dadurch vier Wochen in Italien und durfte das wunderschöne Atelier von Stefano Nicolao kennenlernen!
(http://handwerk-auf-reise.hwk-kassel.de/2016/03/23/ein-wunderland-aus-geschichte-und-seid/)

Bild: Das Stofflager von Stefano Nicolao

Dieses Praktikum hat mich angefixt. Ich wollte gerne mehr von der Welt sehen und das mit meinem Beruf verbinden. Letztes Jahr im September habe ich also an die Bewerbung für das PPP gewagt. Und ich euch, die Bewerbung hat es in sich! Aber ich nehme auch gleich vorweg: ES LOHNT SICH!

Das PPP ist ein Austauschprogramm zwischen Deutschland und den USA. Es wird von Geldern des deutschen Bundestages und des amerikanischen Kongresses finanziert. Es besteht aus zwei Formen des Austauschs: Einerseits werden Stipendien and Schüler der Mittelstufe vergeben, die in Amerika die High-School besuchen. Andererseits werden fünfundsiebzig Stipendien an junge Berufstätige vergeben, die eine Ausbildung absolviert haben. In diesem Fall gliedert sich das Jahr in zwei Teile. Zunächst wird ein Semester lang studiert, im Idealfall berufsbezogen, danach wird in einem Betrieb gearbeitet. Die Bewerbung für das PPP trainiert einen in Geduld. Ich war nicht von Anfang an davon überzeugt, dass ein Programm in den USA das richtige für mich ist.
Während meiner Schulzeit sind einige meiner damaligen Freundinnen für ein Jahr in den USA gewesen. Die meisten Freundschaften haben dadurch geendet und ich habe den USA die Schuld gegeben. Ich denke, dass war die Zeit in denen meine Vorurteile gegenüber den USA besonders stark geprägt wurden. Ich habe dann irgendwie beschlossen, dieses Land zu meiden, weil ich Angst hatte mich auch so zu verändern, wie meine Freundinnen.

Bild: Auf der Education-Abroad-Fair an der St. Cloud State University

Trotzdem, war ich der Meinung, dass ich es probieren sollte mich zu bewerben, weil es doch eine großartige Chance ist, Erfahrungen in jedweder Hinsicht zu sammeln. Und während des ganzen Prozesses war ich überrascht zu merken, wie wichtig es mir ist eines der Stipendien zu bekommen! Ich habe viel Zeit und Arbeit in mein Motivationsschreiben gesteckt, bin zu meiner Ärztin gegangen um bestätigen zu lassen, dass ich Kerngesund bin und habe meine Ausbilderin gebeten ein Arbeitszeugnis für mich auszustellen.

Und dann habe ich gewartet. Ich glaube es dauerte etwa einen Monat, bis ich davon überzeugt war, dass ich keine Chance habe und aussortiert wurde und dann doch die Einladung zu einem Interview in Berlin im Briefkasten war. Berlin hat mich richtig nervös gemacht. Wie der Name des Austauschprogramms schon erahnen lässt hat es auch mit Politik zu tun. Und ich war immer eine faule Socke, was Zeitunglesen, Nachrichten schauen und etwas über Politik herausfinden betrifft. Beruhigt hat mich die E-Mail von Christina, die zu diesem Zeitpunkt gerade in den USA war und dementsprechend das Auswahlverfahre erfolgreich hinter sich gebracht hatte. Im November 2016 bin ich also nach Berlin gefahren. Vor mir lag ein Tag in einem Assessment-Center in Hohenschönhausen mit Interview, Allgemeinwissen-Test und Englisch-Test. Der Englisch-Test war ehrlich gesagt nicht das größte Problem. Der Allgemeinwissen-Test brachte mich ins Schwitzen, weil es erstens wenig Zeit war und zweitens hauptsächlich Fragen zu vergangenen und aktuellen politischen Ereignissen waren. Aber irgendwie habe ich das doch gemeistert.

Das Interview machte mich unglaublich unruhig. Vor mir waren einige andere Bewerber an der Reihe und natürlich tauschte man sich über die gestellten Fragen aus, nicht das cleverste was man in so einer Situation machen kann. Von meinem jetzigen Standpunkt aus gesehen, war es ein angenehmes Interview, dass gut lief, aber währenddessen hat mich besonders eine Frage innerlich auf die Palme gebracht: „Sie kommen ja aus einem akademischen Haushalt. Da war es sicher schwer ihre Eltern von einer Ausbildung zu überzeugen!“

Bild: Beim Bundesinnungskongress 2016 in Kiel

Ich wusste während ich mein Abitur gemacht habe, dass ich eine Ausbildung zur Schneiderin machen möchte und habe schon während meines letzten Schuljahres unzählige Bewerbungen an verschiedenste Betriebe in Deutschland geschrieben. Und ich bin von vielen Menschen, denen ich davon erzählt habe, gefragt worden, warum ich denn mein Abitur verschwenden möchte, oder ob ich nicht etwas vernünftiges machen möchte, wie studieren. Ich habe das von vielen Menschen gehört, aber nie von meinen Eltern und meinen Schwestern! Meine Familie war immer eine große Unterstützung, auch bei der Bewerbung für das PPP. Von Anfang bis Ende.

Ich glaube was mich auch sehr störte, dass es für mich wie eine rhetorische Frage klang: Es ist schwer Akademiker-Eltern von einer Ausbildung zu Überzeugen. Ich bin mir mittlerweile sicher, dass die Frage nicht so gemeint war, aber in meiner Aufregung kam das bei mir an. Was ich schon während meiner Ausbildung, aber auch ganz besonders jetzt in den USA gelernt habe ist, dass unser deutsches Ausbildungssystem großartig und einzigartig ist. Man kann das Schneiderhandwerk einfach nicht an einer Universität studieren, dafür ist sie nicht ausgelegt. Und wozu das führt sehe ich hier in den USA an meinem College. Aber warum herrscht in Deutschland immer noch die Meinung, dass eine Ausbildung Minderwertig ist? Ich möchte dieser Frage hier jetzt nicht nachkommen, darüber könnte ich einen kompletten Beitrag schreiben. Aber diese Gedanken hatte ich während des Gesprächs, während ich danach mit meinem Vater telefoniert habe und auf dem Weg zurück. Ich möchte auch niemanden abschrecken sich zu bewerben, ganz im Gegenteil! Nutzt die großartige Chance, bewerbt euch, aber seit euch bewusst, dass man das Stipendium nicht geschenkt bekommt. Das ist etwas was uns auch auf dem Vorbereitungsseminar viele Male mit auf den Weg gegeben wurde. Dass wir uns so gut es geht bewusstmachen, was da auf uns zukommt. Aber dazu später mehr.

Erstmal ging es mit dem Warten und geduldig-Sein weiter. Nach den Interviews trifft die GIZ eine Auswahl an Bewerbungen, die an die Paten, Abgeordnete des Bundestages, weitergeleitet werden. Diese Paten, in meinem Fall der ehem. CDU-Abgeordnete Thomas Viesehon, treffen die letzte Entscheidung.

Bild: Zusammen mit Thomas Viesehon im Staatstheater Kassel

In vielen Fällen heißt das, dass man nochmal zu einem Gespräch mit dem abgeordneten eingeladen wird, das sich meistens mehr um Politik dreht als das erste Interview. Ich habe bis in den Januar hinein gewartet. Auf meinem Vorbereitungsseminar habe ich mitbekommen, dass ich schnell eine Benachrichtigung bekommen habe. Es hat sich für mich trotzdem wie eine Ewigkeit angefühlt. Ich kann mich noch ziemlich gut an den Anruf erinnern, mit dem mir Thomas mitgeteilt hat, dass er sich aufgrund meiner Bewerbung für mich entschieden hat. Ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, dass er mich fragt, wann ich mal für ein Gespräch in seinem Büro vorbeikommen kann. Es hat eine Weile gebraucht bis ich verstand, dass er die Entscheidung schon getroffen hatte.

Der nächste Schritt war das Vorbereitungsseminar in Lichtenfels im März. Hier traf ich die eine Hälfte der Stipendiaten, ehemalige Teilnehmer und Mitglieder der deutschen und amerikanischen Organisation (GIZ und CV). Wir verbrachten sieben Tage damit an Workshops zu verschiedensten Themen, wie deutsche Geschichte, Unterschiede in den Kulturen, Vorurteile und Jobsuche in den USA, teilzunehmen. Mit ehemaligen Teilnehmern über ihre Erfahrungen und unsere Erwartungen zu sprechen. Den TOEFL-Test zu meistern. Und nebenbei unsere Gruppe kennenzulernen und zu schlafen. Das Vorbereitungsseminar hatte es in sich, es war intensiv, aber ich denke für uns alle notwendig um die letzten Zweifel auszuräumen, die der ein oder andere noch hegte.

Bild: Meine Seminargruppe

Wir sind gemeinsam den Ablauf des Jahres durchgegangen: Wann unsere Einreise und das erste Seminar in New York ist. Wann wir unsere Kurse wählen. Wann die Jobsuche beginnen sollte. Bis hin zu unserer Ausreise im kommenden Juli. Thema war auch, wie man ein Visum beantragt und um ehrlich zu sein, war das ein ziemlich aufwendiger Akt, den wir gleich zusammen in Angriff genommen haben. Jeden Abend saßen einige von uns in den Seminarräumen an Laptops um sich durch die unzähligen Fragen der amerikanischen Botschaft zu klicken.

Hier geht es zu der offiziellen Website meines PPP-Jahrgangs. Ein Besuch lohnt sich, dort findet ihr alle Blogs und Informationen zu unseren Platzierungen, die quer über das ganze Land verstreut sind.

Das PPP

Im April letzten Jahres habe ich meinen Paten Thomas Viesehon kennen gelernt. Er war als Abgeordneter des Landkreises Grebenstein für die vergangene Legislaturperiode im Bundestag. Thomas organisierte, gemeinsam mit seiner Frau, eine Tour durch Kassel und Grebenstein. Bei diesem Treffen lernte ich auch Andy, einen amerikanischen Teilnehmer, der in Kassel platziert war, und Hanna aus Grebenstein, die im diesjährigen Schülerjahrgang des PPP ist, kennen. Zusammen schauten wir uns das Theater und die ersten Documenta-Kunstwerke an um mich besser kennen zu lernen. Andy zeigte uns die Kasseler Tafel in der er sein sechs monatiges Praktikum in Deutschland absolvierte und zum Abschluss ging es nach Grebenstein, wo uns Hanna die Burg zeigte, die dort auf einem Berg gut sichtbar thront. Beim gemeinsamen Abendessen erzählte uns Thomas viel über seine Arbeit im Bundestag, wie er zur Politik gekommen ist und wie sehr er seine Arbeit genießt. Ich hatte ziemlich schnell das Gefühl, dass er im Bundestag ist, weil er dort etwas für seine Gemeinde erreichen kann und nicht, weil es dem Lebenslauf guttut.

Bei einem Besuch im Bundestag im Juni konnte ich dann bessere Einblicke in den Alltag eines Abgeordneten erhalten. Thomas Viesehon hatte seinen Mitarbeiter gebeten mich durch alle Winkel des Reichtags und dem angrenzenden Büroviertel der MdB’s zu führen. Und ich bin sehr froh, dass ich diese Möglichkeit wahrgenommen habe. Zum ersten Mal habe ich verstanden, was genau ein Politiker macht.

Bild: Ich im Bundestag

Das Visum war dann der nächste und letzte offizielle Schritt bevor wir ausgereist sind und es war nicht unkompliziert, das zu bekommen. Den größten Teil hatte ich eigentlich schon während des Seminars erledigt. Aber einen Termin im Frankfurter Konsulat zu bekommen, war dann doch aufwendiger als gedacht und ich war froh, dass ich Toni an meiner Seite hatte, die mir jede Frage beantworten konnte. Ich hatte schließlich einen Termin und alle meine Sachen im Schließfach am Bahnhof eingeschlossen und mich in die Schlange am Konsulat eingereiht, als mir erklärt wurde, dass der eine Strichcode auf dem von mir mitgebrachten Formular nicht vollständig sei und ich deswegen eventuell wieder weggeschickt werden würde. Irgendwie hat es dann doch geklappt an den richtigen Schalter zu kommen, an dem ich dann nach meinem Foto gefragt wurde, dass sie für mein Visum brauchen. Ich bin vor dem Seminar extra zu einem Fotografen gegangen und habe nach den aktuellen Anforderungen für ein Visa-Foto gefragt, woraufhin ich dann mit Brille fotografiert wurde. Der angestellte im Konsulat teilte mir mit, dass mein eingereichtes Foto nicht korrekt sei. Also ging es ab in den Fotoautomaten und heraus kam ein Foto, aus dem einem mein Frust, meine Müdigkeit und Verwirrtheit nur so entgegenspringt. Nachdem ich etwa eine halbe Stunde zwischen verschiedenen Schaltern, Angestellten und Sicherheitskontrollen hin und her geflitzt bin, war dieser Termin doch auch erfolgreich verlaufen und mein Visum beantragt. Das kam auch rechtzeitig an, aber nicht ohne mich noch einmal zu beunruhigen. Als ich meinen Reisepass aufschlug schaute ich auf ein Visum mit dem Stempel in der Mitte: „Ohne Vorurteil abgelehnt“. Zum Glück war in diesem Moment meine große Schwester zur Stelle, die mit mir schon einen Plan ausbaldowerte, wie man dieses Problem beheben könnte. Ich habe in diesem Moment beschlossen den Reisepass erstmal beiseite zu legen und mich um etwas anderes zu kümmern, als plötzlich ein kleiner Zettel aus dem Pass rutschte und ich mein gültiges Visum sah. Jetzt konnte das packen losgehen eigentlich losgehen, nur wusste ich noch gar nicht, wo es hingehen sollte. Glücklicherweise habe ich das etwa zwei Wochen vor meinem Abflug telefonisch von Max und Amanda von Cultural Vistas mittgeteilt bekommen: St. Cloud in Minnesota. Als mich Max fragte ob ich noch Fragen zu meiner Platzierung hätte und ich fragte wo genau das liegt, bekam ich als Antwort: „Nicht weit weg von Minneapolis!“. Ich hatte immer noch keinen blassen Schimmer wo Minnesota lag. Aber ich war froh schon Kontakt mit meiner Gastfamilie aufnehmen zu können.

Mittlerweile weiß ich gut wo in den USA Minnesota liegt: in der Osthälfte des Landes umgeben von North- und South-Dakota, Wisconsin, Iowa und Kanada. Der Staat erinnert mich an Deutschland, von der Natur und dem Klima her, nur dass der Winter etwas kälter wird. Ich bin glücklich, dass ich mich für dieses Austausch-Programm entschieden habe und es mich jetzt schon seit über einem Jahr begleitet. Schon durch den Auswahl-Prozess habe ich vieles gelernt und bin stärker geworden und ich merke auch jetzt in den USA, dass ich auf eine gute Weise gefordert werde und das genieße ich sehr. Ich bin gespannt, wo mich das PPP noch hinbringt und freue mich darauf bald wieder hier darüber zu berichten! Jetzt freue ich mich erstmal darauf meine Schwester, mal nicht an einem deutschen Flughafen abzuholen, sondern in Minneapolis und ihr mein neues Zuhause zu zeigen.

See you soon,

eure Clara

Wenn das Heimweh anklopft

Die erste Heimwehwelle hat mich ziemlich unerwartet überrollt, aber zum Glück nicht weggeschwemmt. Ich habe in den letzten Wochen so unheimlich viel erlebt und mich gut eingelebt, dass ich für den Gedanken ob ich Deutschland vermisse gar keinen Platz in meinem Kopf hatte. Nicht dass ihr jetzt denkt, dass ich Deutschland gar nicht vermisse, aber hier ist es auch schön. Ich wollte einfach gerne jedem zeigen, wie ich hier jetzt lebe. Es war für mich einfach das Gefühl umgezogen zu sein und jetzt in einer neuen Stadt zu leben. Dass im Moment ein Ozean zwischen Freunden und Familie und mir liegt habe ich bisher noch nicht kapiert.

Die letzten drei Jahre habe ich in Kassel gelebt. Das sind mit dem ICE zwanzig Minuten von meiner Heimatstadt Göttingen. Wenn alle Stricke rissen und ich mich nur noch zu Hause wohlgefühlt habe, bin ich auch mal für nur eine Nacht zu meinen Eltern gefahren. Sehr spontan meistens. Den letzten Monat bevor ich in die USA ausgereist bin habe ich auch in Göttingen verbracht.

Der pazifische Ozean in San Francisco

Als ich vor vier Jahren nach dem Abitur von zu Hause ausgezogen bin, hat es zwei Monate gebraucht, bis ich wieder Lust darauf hatte nach Hause zu fahren. Im Moment ist es ähnlich. Ich habe mich unter anderem auch auf den Weg in die USA gemacht, weil ich endlich mal wieder etwas neues und ungewohntes sehen wollte. Das hat geklappt. Was nicht so gut geklappt hat war sich innerlich darauf vorzubereiten, dass der diesjährige Geburtstag anders ausfallen würde wie gewohnt.

An sich ein toller Tag, den ich wirklich genossen habe und an dem ich Spaß hatte. So sehr, dass ich erst abends als die ganze Aufregung darüber vorbei bemerkt habe, wie sehr mir meine Familie und der alljährliche Schokokuchen mit Kerzen gefehlt hat. Für mich war es wirklich ganz anders als sonst.

Mein Geburtstag ist der 3. Oktober, Tag der deutschen Einheit. In Deutschland also ein Feiertag. In Amerika halt einfach ein Dienstag mit Schule, Arbeit und Cross Country. Vielen lachen mich gerne aus, wenn ich frage, wie das ist am eigenen Geburtstag arbeiten zu müssen, oder in die Schule zu gehen. Jetzt weiß ich es selber: man kann es ertragen, ist aber trotzdem komisch und ich freue mich auf das nächste Jahr in dem es Kuchen von Mama und das lauteste Geburtstagsständchen von der ganzen Familie gibt.

Heimweh ist ein komisches Gefühl. Ich könnte da lachen und weinen zur gleichen Zeit. Es ist unglaublich schön hier und ich freue mich hier sein zu können und das alles erleben zu dürfen. Manchmal glaube ich vor Glück fast zu platzen und ich weiß gar nicht wohin mit all den Glücksgefühlen. Und dann möchte ich einfach nur in Tränen ausbrechen, weil ich mich unglaublich einsam fühle und jetzt nicht die Umarmung von meiner Familie bekommen kann, die ich gerne hätte.

„The Mission“: Das älteste Bild in dieser Straße

Ich hatte zum Glück nicht viel Zeit um mich vom Heimweh mitnehmen zu lassen, denn ich hatte Flüge nach San Francisco gebucht. Das letzte Wochenende habe ich also bei einer alten Bekannten verbracht. Kerry hat selber vor dreizehn Jahren ein Jahr im Ausland und zwar in Deutschland in meiner Heimatstadt verbracht. Leider ist der Kontakt verloren gegangen, aber dank meiner großen Schwester wiedergefunden worden. Also habe ich mich vergangen Donnerstag auf den Weg zum Flughafen gemacht und mir zunächst die Stadt bei Nacht und aus der Luft angeschaut. Es ist ein unglaublicher Anblick, der sich da einem bietet. Es schaut aus wie der Sternenhimmel, nur halt unter einem. Den gleichen Anblick kann wunderbar von den Twin Peaks genießen. Die zwei Hügel liegen etwa im Zentrum der Stadt San Francisco. Man hat also eine schöne Rundum Ansicht auf die Stadt, die Bucht und das Meer.

Auf unserem Programm standen die Cable Cars, Alcatraz, die Golden Gate Bridge und „La Traviata“ in der San Francisco Opera. Seitdem ich vor vielen Jahren zum ersten Mal „Pretty Woman“ gesehen habe, wollte ich immer mal in die San Francisco Opera und es war mit das Beste, was ich an diesem Wochenende erlebt habe. In Deutschland bekommt man selten Inszenierungen zu Gesicht, die von Anfang bis Ende in historischen Kostümen gespielt werden. Und genau das bekommt man in San Francisco zu sehen inklusive historisch korrekten Räumlichkeiten. Einfach eine zauberhafte Welt die von Verdis Musik wunderbar umrahmt wird.

San Francisco ist zum Glück nicht wie New York. Man braucht zwar auch furchtbar lange um von einem Punkt zum anderen zum anderen zu kommen, aber es liegt nicht diese Hektik in der Stadt, die ich in New York sehr anstrengend fand. Auch die Häuser und das Ambiente hat mich mehr an eine Mixtur aus Europa und Mittelamerika erinnert. Es gibt nur wenige Wolkenkratzer in San Francisco, und dadurch auch wenig Gebäude aus grauem Beton und Glas. Besonders sehenswert sind die sogenannten „Painted Ladies“. Sie sind durch die Serie „Full house“ bekannt geworden, aber abgesehen davon einfach die schönsten Häuser der Stadt.

„Painted Ladies“ mit Downtown im Hintergrund

Ein anderer sehenswerter Ort sind die bemalten Wände in dem Viertel „The Mission“. Man findet die ein oder andere bemalte Wand in dem ganzen Viertel aber eine Straße ist wie eine Open-Air Gemäldegalerie. Ein Bild neben dem anderen und sie werden regelmäßig übermalt und es entstehen jede Menge neue Bilder. „The Mission“ ist ein sehr internationales Viertel. Dort trifft man auf Mexikaner, Vietnamesen, Japaner, Deutsche, Franzosen und auch auf Amerikaner. Wer schon einmal dort ist sollte auf jeden Fall bei der „bi-rite Creamery“ vorbeischauen und sich eine ihre ungewöhnlichen Eissorten aussuchen. Dort gibt es eigentlich alles von Olivenöl-Eis bis Salted-Caramel und Kürbiseis. Wenn man dann doch mal die deutsche Küche vermisst, so wie ich vergangene Woche dann lohnt sich ein Besuch im „Schmidt’s“. Dort bekommt man Wurstplatten, Schnitzel mit Spätzle und sehr leckeren Leberkäse. Und dabei ist es kein billiger Abklatsch, sondern wirklich gut!

Ich im „Schmidt‘s“

„Castro“ ist bekannt, weil es die Homosexuellenszene in San Francisco ist. Außerdem haben hier bekannte homosexuelle Literaten wie „Gertrude Stein“ und „Tennessee Williams“ gelebt und gewirkt. Das Viertel grenzt an „The Mission“ und ist alternativ angehaucht. Es ist das erste Mal das ich einen Laden an dem nächsten sehe, seitdem ich hier in den USA bin. Es gibt mir das Gefühl in einer Fußgängerzone unterwegs zu sein und einfach mal von Laden zu Laden zu bummeln. Eigentlich unüblich in den USA.

Ein sehr interessantes Erlebnis war für mich der Besuch auf der Gefängnis-Insel „Alcatraz“. Ich habe nie einen Film darüber oder einen der Insassen gesehen, aber ich hatte davon gehört und wollte es gerne sehen. Man kann dort themengebundene Führungen machen, wie zum Beispiel zu „Al Capone“ oder „die Insel als Naturschutzgebiet“. Kerry und ich haben uns für die einfache Tour mit dem Audio-Guide entschieden. Man wird etwa sechzig Minuten durch alle Teile des Gefängnisses geführt und hört Geschichten über berühmte Insassen wie den „Birdman“, „Machine Gun Kelly oder „Ol’Creepy Karpis“, verschiedenste Fluchtversuche und wie es für die Kinder der Wärter war auf der Insel aufzuwachsen. Alcatraz liegt etwa zwei Kilometer von der Stadt entfernt. Gerade nah genug um am Silvesterabend, die Musik und das Gelächter der feiernden Stadt zu hören aber weit genug entfernt um nicht fliehen zu können, weil man die Strecke in dem kalten Wasser nicht überlebt.

Die meisten Touristen kommen nach Alcatraz um diese Geschichten zu hören. Es gibt aber auch eine Geschichte nachdem das Gefängnis 1963 geschlossen wurde und die man immer noch sehen kann. Im Jahr 1968 haben Indianer verschiedener Stämme die Insel besetzt. Sie wollten damit auf ihre Situation aufmerksam machen: die amerikanische Regierung hat ihnen nach und nach immer mehr Land weggenommen und sie in Reservate umgesiedelt. Ganze achtzehn Monate blieben sie auf der Insel. Die Regierung reagierte indem sie ein Teil der Länder an verschieden Indianerstämme zurückgab. Leide wird in der Führung nicht darüber gesprochen. Man kann es durch Tafeln an den Wänden lesen und ein kleiner Teil des Einführungsfilmes zeigt Bilder aus diesen Tagen.

Die rote Schrift stammt von der Besetzung 1968

Ich bin froh, dass ich nach San Francisco fliegen konnte und dadurch über das Heimweh weggekommen bin. Während meiner ersten Woche an der St. Cloud State University, hat unsere Betreuerin uns eingebläut, gerade in diesen Momenten aus dem Zimmer rauszugehen und andere Menschen zu sehen. Dafür zu sorgen, dass man beschäftigt ist und etwas erlebt. Ich weiß aber auch, dass es okay ist Heimweh zu haben, das zeigt mir, dass ich immer gerne zu Hause war und dass es besonders schön wird, wenn ich meiner Familie und Freunde nächstes Jahr wiedersehe!

See you soon,

Eure Clara

Erste Eindrücke aus Portsmouth

Ich melde mich nun an meinem dritten Tag aus Portsmouth. Es ist bisher schon eine wirklich aufregende Zeit.

Am Sonntag bin ich zusammen mit Jessica, ebenfalls aus Baunatal, in London Heathrow gelandet. Wir haben dann ziemlich schnell den Bus (Coach) nach Portsmouth gefunden und starteten unsere Reise. Nach einer dreistündigen Fahrt, kamen wir am Hafen von Portsmouth an und wurden von Alyson empfangen. Mit uns zusammen kam noch eine Gruppe Schüler aus Tschechien an.

Als nächstes ging es zu meiner Gastfamilie. Da war ich doch sehr aufgeregt, ob alles so gut funktioniert und ob es ein guter erster Eindruck ist. Doch es war total nett und Tracy kam direkt zu mir und begrüßte mich ganz fröhlich. Zufällig wohnen auch noch zwei Mädels aus Tschechien (die mit mir ankamen) ebenfalls dort.

Am nächsten Tag gingen wir gemeinsam zu unserer Organisation, der IBD-Partnership. Wir bekamrn einen sehr interessanten Vortrag über die kulturellen Unterschieden und die Lebensweise der Engländer, wie z. B. das Fahren auf der anderen Strasenseite. Das ist wirklich sehr komisch 🙂
Außerdem bekam ich mein erstes englisches „Lunch“ und war positiv überrascht, wie lecker es ist.

Heute war nun mein erster Arbeitstag. Ich konnte zum Glück zu Fuß gehen und so die kleinen schönen Straßen genießen. Ich arbeite in der Verwaltung eines großen Kindergartens. Ich bekam eine Führung und las mir die Leitlinien des Kindergartens durch. Außerdem bekam ich eine Online-Einführung zu dem Thema der Radikalisierung von Jugendlichen in Großbritannien. Das hat mich sehr überrascht, war aber auch sehr interessant. Es ist hier ein großes Thema, wie es dazu kommt und was man im Vorfeld dagegen tun kann.

Ganz liebe Grüße aus Portsmouth
Lina

Die ersten Wochen

Ich bin 21 Jahre alt und habe im Sommer dieses Jahres meine Ausbildung als Maßschneiderin abgeschlossen. Um sowohl sprachliche als auch fachpraktische Erfahrungen zu sammeln verbringe ich nun 12 Wochen in mehreren Betrieben hier in Glasgow.

Nun bin ich schon fast drei Wochen hier in Glasgow und habe mich ziemlich gut. Als ich am Sonntagabend etwas verspätet ankam, wurde ich von meiner Gastfamilie bereits erwartet. Samina und ihr Mann kommen ursprünglich aus Pakistan und wohnen jetzt mit ihren vier Töchtern in einer lauschigen Wohnsiedlung am Rande Glasgows. Nachdem ich mich des vielen Gepäcks entledigt hatte, wurde mir ein Sandwich gebracht und ich habe die zweite, ebenfalls deutsche Gastpraktikantin kennengelernt. Ann-Katrin und ich teilen uns ein Badezimmer und glücklicherweise hatten wir am nächsten Tag auch den selben Weg in Richtung Innenstadt.

In meiner ersten Woche hatte ich vormittags einen Englischkurs. Das war sehr hilfreich, um sich an die Sprache zu gewöhnen und neue Leute kennenzulernen. Außerdem habe ich die anderen Praktikanten getroffen, die wie ich von der Organisation Light on the Path betreut werden. Auf Anhieb hat sich eine Gruppe von 5 Mädchen gefunden, darunter Ann-Katrin, zwei weitere Deutsche und eine Schwedin. Zusammen planten wir, am Wochende eine Reise durch die Highlands zu machen. Nachdem ein Mietwagen und die Unterkünfte gebucht waren, haben wir uns Samstagmorgen auf den Weg gemacht. Wegen der wunderschönen Landschaft war die lange Autofahrt kein Problem und immer, wenn wir eine besondere Stelle entdeckt hatten, haben wir für eine Pause und ein paar Fotos angehalten. Auf unserer Liste standen außerdem Loch Limone und Loch Ness, die Stadt Fort William, in der wir die Nacht verbrachten, eine durchaus abenteuerliche Wanderung zu einem Wasserfall und schließlich die Stadt Inverness, die an der Mündung des Flusses Ness in die Nordsee liegt. Nach reichlich vielen tollen Eindrücken und nicht zuletzt einer Menge Regen kehrten wir am Sonntagabend erschöpft zurück.

 

Passenderweise war Montag ein Feiertag und wir verbrachten einige Zeit am sonnigen George-Square und schauten uns die Kathedrale an. Am Dienstag startete ich dann die erste Etappe meiner Praktika. Ingles Buchan ist eine kleine Firma im Zentrum von Glasgow, die Accessoires aus den typischen Karostoffen, sogenannten Tartans, herstellt. Ihre Krawatten, Fliegen, Mützen und Hosenträger in verschiedensten Mustern und Farben findet man besonders in schottischen Souveniershops. In einem sehr freundlichen Arbeitsumfeld durfte ich mich sowohl an Maschinen- und Handarbeiten als auch am Zuschnitt probieren. Aufgrund der Katomuster muss man sehr genau arbeiten, was anfangs etwas schwierig war und etwas Zeit gebraucht hat. Da jedoch große Stückzahlen produziert werden, stellte sich nach einiger Zeit eine gewisse Routine bei mir ein, gleichzeitig war es sehr abwechslungsreich, da mir stets neue Aufgaben zugeteilt wurden. Besonders hat mir das Gefühl gefallen, sinnvolle Arbeit zu leisten und etwas hilfreiches beizutragen.

 

Meine nächste Woche werde ich in einem neuen Betrieb und damit verbunden einer neuen Unterkunft verbringen und bin schon gespannt und vorfreudig auf die neuen Eindrücke…

Bis dahin, Finja