Costume Construction

Mein Kurs „Costume Construction“ ist wohl der, der am ehesten das ist, was ich in Deutschland gemacht habe. Es geht darum nähen zu lernen, Entwürfe zu machen und an Kostümen zu arbeiten, die später auf der Bühne stehen. Nähen habe ich durch meine Mutter gelernt, seitdem ich elf bin sitze ich regelmäßig an der Nähmaschine. Ich wurde in Bewerbungsgesprächen oft gefragt woher mein Interesse am Nähen kommt und die Antwort war immer dieselbe: durch meine Mutter und meine Großeltern. Meine Großmutter mütterlicherseits hat selber eine Schneiderausbildung absolviert und dann für meine Mutter und ihre Geschwister viel selber genäht. Meine Großeltern väterlicherseits waren Feintäschner, sie haben Portemonnaies und andere feine Lederwaren gefertigt. Außerdem war es mir wichtig zu sehen, was ich mache und lerne. Besonders jetzt rückblickend denke ich, dass es mir in der Schule immer schwer viel zu verstehen, was der Lehrer erwartete, wenn ich etwas analysieren sollte, zum Beispiel im Deutschunterricht. Zudem erschien mir die Benotung immer etwas willkürlich, ich denke, weil es mir schwer viel zu verstehen, wieso meine Interpretation richtig oder falsch war.

Bild: In der Herrengarderobe des Colleges

 Beim Nähen sehe ich die Fehler selber. Allgemein genieße ich es jedes Mal wieder zu sehen, wie aus einer Idee ein Kleidungsstück wird. Mich beeindruckt es, dass man mit einem platten, eindimensionalen Schnittmuster anfängt, und mit vielen kleinen Schritten, die für mich sehr logisch nachzuvollziehen sind ein Kleid, Hosenanzug oder auch einfach nur ein T-Shirt erstellt. Ich habe festgestellt, dass ich Dinge besser begreifen und lernen kann, wenn ich sie in die Hand nehmen und anschauen kann. Das bedeutet nicht, dass ich nicht abstrakt denken kann und nicht mit Papier und Stift arbeiten kann. Ganz im Gegenteil. Jedes Kleidungsstück beginnt mit dem konstruieren des Schnittmusters und auch um Probleme während des Nähens zu lösen wird Kreativität und abstraktes Denken erfordert, weil nicht jedes Material genau das macht, was man von ihm erwartet.

 Besonders aber bei der Schnitterstellung braucht man logisches Denkvermögen. Eine gute Schnittdirectrice hat die Fähigkeit schon bei der Schnitterstellung zu erkennen wie sich das was sie zeichnet auf das Kleidungsstück auswirkt. Sie weiß wie sie Abnäher und Falten setzten muss um einen bestimmten Fall des Stoffes zu erreichen. Meistens kommt diese Fähigkeit durch sehr viel Übung und Erfahrung, durch Fehler, die man schon gemacht hat, aber auch daher, dass man das was man in 2-D zeichnet in 3-D vor dem inneren Auge sieht.

Bild: beim fixieren der gefältelten Krause

 In meinem Kurs steht das nähen im Vordergrund. Ich bin in einer Klasse mit Nähanfängern und Studenten, die noch nie genäht haben. Aber um einen Abschluss in dem Fach Theater zu erwerben muss man während seines Studiums diesen Kurs belegen. Aber es lohnt sich. Der Kurs findet immer im Herbst-Semester statt wodurch jeder sein eigenes Halloweenkostüm nähen kann. Ich habe diese Aufgabe genutzt um zwei Dinge zu machen, die ich immer schon machen wollte: einen Body, oder Badeanzug und eine Achterkrause. Eine Achterkrause wurde besonders im späten sechzehnten Jahrhundert in Spanien getragen. Sie wird auch Mühlsteinkragen genannt, weil sie kreisrund ist und schwer auf den Schultern liegt. Von Zeit zu Zeit werden Krägen, wie diese auch im Theater gefertigt, aber leider nicht in der Zeit in der ich dort meine Ausbildung gemacht habe. Dieses Projekt braucht Geduld, weil man viel mit Handstichen und so immer mit der gleichen Bewegung.

 Ich wollte nicht, dass die Krause auf meinen Schultern, sondern auf meiner Taille sitzt, als eine Art Rock. Das hatte wiederum zur Folge, dass noch mehr Material erforderlich war. Es gibt verschiedene Wege eine Krause zu fertigen, ich habe mich für die unkomplizierte Variante entschieden einen langen, geraden Stoffstreifen in Falten zu legen und dann an den äußeren Kanten zu fixieren. Aufgrund der Fixierung hat die Krause ihren Namen: man zieht die Stoffschichten zusammen, dass Waben entstehen, die auch ausschauen, wie Achten. Im Enddefekt hatte ich einen zwölf Meter langen und fünfundzwanzig Centimeter breiten Streifen, den ich Säumen und in Falten legen musste. Damit die Falten gleichmäßig werden macht es bei so etwas Sinn Fäden einzuziehen mit denen man den Stoffstreifen ganz einfach wie eine Ziehharmonika zusammen schieben kann. Danach folgte der Teil, der am meisten Zeit beanspruchte: das Fixieren. Wie vorher schon beschrieben zieht man die Stofflagen aus den Falten zusammen und fixiert sie mit kleinen Knötchen, wobei man darauf achtet die Falten in sich nicht zu verschieben. Es ist aufwendig, aber es lohnt sich auf vielen verschiedenen Ebenen. Einerseits habe ich wieder einmal begriffen, wie schnell man die Menge an Arbeit unterschätzen kann. Mir war vorab bewusst, dass es viel Zeit brauchen würde diese Krause herzustellen, aber am Ende war ich doch sehr überrascht, wie viel es war. Andererseits war es auch wieder eine Übung sauber und ordentlich zu arbeiten. Besonders, wenn man einfach einen geraden streifen hat ist das wichtig, aber auch bei dem Body, den ich genäht habe, war das sehr wichtig. Für diesen hatte ich mir einen Stretch-Samt ausgesucht, der schwer war unter der Maschine zu führen.

Bild: die fertige Krause

Aber genau das hat mein Kurs „Costume Construction“ als Ziel. Dass die Studenten lernen ordentlich zu arbeiten, sich ihre Zeit gut einzuteilen und kreative Lösungsansätze zu finden. Dieser Arbeit mit Respekt zu begegnen ist meiner Lehrerin Carol sehr wichtig. Viele in der Theaterabteilung haben vor später als Schauspieler auf der Bühne zu stehen. Für Carol gibt es wenig, dass schlimmer ist als Schauspieler, die die Kostüme als selbstverständlich nehmen und selber nicht wissen, wie viel Arbeit dahintersteckt.

In den letzten vier Monaten habe ich in St. Cloud die Universität besucht und einiges über Bildungssysteme gelernt. Am meisten habe ich aber verstanden, wie gut unser deutsches Bildungssystem ist – trotz kleiner Schwächen.

In Deutschland war ich Schülerin an einem Gymnasium und habe mich nach meinem bestandenen Abitur für eine Ausbildung zur Damenmaßschneiderin entschieden. Ich hatte gemerkt, dass ich besser lernen kann, wenn ich praktisch arbeite. Dadurch begreife ich besser, was ich tun muss, und ich kann meine Fehler leichter selber erkennen. Mein Studium in St. Cloud zeigt mir jetzt, dass ich auch theoretisch arbeiten kann und das gerne tue.

Wir haben in Deutschland ein sehr umfangreiches und breit gefächertes Bildungssystem, das allen Lernertypen die Möglichkeit gibt nach dem Schulabschluss in eine Ausbildung oder ein Studium zu starten.

Bild: Ich in meinem Halloween-Kostüm

Es gibt Berufe, wie zum Beispiel das Schneiderhandwerk, die nur durch eine Ausbildung zu erlernen sind, weil von Anfang an Praxiserfahrung gesammelt werden muss. Ich bin überzeugt, dass in vielen Studiengängen zu wenig praxisorientiert gearbeitet wird und dass in manchen Ausbildungsbetrieben dafür die intellektuelle Herausforderung fehlt. Das kommt meiner Meinung nach daher, dass in unserer Gesellschaft nach wie vor akademische Berufe ein höheres Prestige haben als Berufe im handwerklichen Bereich. Man braucht einen höheren Abschluss um studieren zu dürfen, was leider dazu führt, dass bei Auszubildenden geschlussfolgert wird, sie hätten einen „schlechteren“ Abschluss und seien somit weniger klug. Damit wurde ich als Abiturientin das eine oder andere Mal konfrontiert. Leider auch mit der Meinung, dass ich mein Abitur vergeudet hätte.

Leider gibt es in den USA eine Vielfalt an Ausbildungsmöglichkeiten, wie bei uns, nicht. Wer hier Kostümschneiderin werden möchte, so wie ich, kann nur zwischen keiner und einer akademischen Ausbildung wählen. Das wurde mir durch viele Gespräche mit meiner Lehrerin im „Theater Department“ bewusst. Um in den USA einen Beruf am Theater ergreifen zu können, zum Beispiel als Kostümschneiderin, müsste ich zunächst und ganz generell als Hauptfach „Theater“ wählen und Fächer in diesem Bereich belegen. Das heißt, ich müsste eine Vielfalt an Kursen belegen, wie „Einführung ins Theater“, in Schauspiel und Regie, in Nähpraxis und sehr reduziert in Kostümdesign. Im Laufe der drei Studienjahre würde ich sie alle durchlaufen, vieles kennen lernen, aber nichts davon wirklich intensiv.

Nach diesem Universitäts-Abschluss wäre ich Generalistin. Erst jetzt könnte ich mich spezialisieren, indem ich mich in Theaterwerkstätten bewerbe und versuche eine Stelle als Näherin zu ergattern. Was mir in diesem Ausbildungsweg fehlt, ist der Erwerb breiter schneidertechnischer Kenntnisse und Fähigkeiten, welche ich im Betrieb und in der Berufsschule in Deutschland eben gelernt habe.

Mir wurde von der Politik und meinen Lehrern schon früh vermittelt, dass nur eine akademische Ausbildung wirklich Zukunft hat. Meines Wissens gehen in Deutschland zurzeit sechzig Prozent eines Jahrgangs an Universitäten und Hochschulen. Ich finde, wir sollten von diesem Drang wegkommen nur Akademiker auszubilden und Schüler auf Biegen und Brechen auf die Universität vorzubereiten, weil es das vermeintlich Beste für sie ist. Wir sollten mehr darauf schauen, ob ihre Fähigkeiten in der Praxis oder in der Theorie liegen, und es wertschätzen, wenn sie das selbst herausfinden. Das gilt für Deutschland und wohl auch für die USA.

Nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA begegne ich vielen jungen Leuten, die nicht wissen, was sie studieren sollen, oder ob der Studiengang, den sie belegen, der richtige für sie ist. Sie wechseln verzweifelt hin und her oder schieben den Beginn der Ausbildung immer wieder auf. Sie jobben lieber um herauszufinden, was das Richtige für sie ist. Hört man einigen von ihnen richtig zu, möchte man ihnen einfach nur den Ratschlag geben in einen Ausbildungsberuf zu wechseln, weil man heraushört, dass sie mehr daran interessiert sind praktisch zu lernen.

In Deutschland sollten wir aufhören die Stipendien, die an ehemalige Auszubildende die studieren möchten, vergeben werden, „Aufstiegsstipendien“ zu nennen. Das suggeriert nämlich, dass eine Ausbildung im Rang unter einem Studium steht. Dabei ist es einfach nur ein anderer Weg einen Beruf zu erlernen. Eine solche Stipendium ist eine wirklich gute Sache. Es kommt natürlich auch für mich in Frage, aber nicht um „aufzusteigen“, sondern um mich weiterzubilden!

Ich finde, das Deutsche Bildungssystem ist sehr gut aufgestellt und zudem auch noch verdammt günstig. Davon kann sich Amerika eine dicke Scheibe abschneiden! Wir sollten also unser Bestes geben unser System zu erhalten.

See you soon,
Eure Clara

 

 

Veröffentlicht von

Clara Merkel

-Als gelernte Schneiderin nach Minnesota-

Seit August ’17 bin ich in den USA. Ich habe, dank des Parlamentarischen Patenschafts-Programms die Möglichkeit ein Semester an der St. Cloud State University zu studieren und danach in Amerika arbeiten zu dürfen.
Hier halte ich meine Erlebnisse und Erfahrungen und vielleicht auch mal einen Nähtip fest.
Viel Spaß ;)

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