Gastfamilien…

In einer Familie zu leben ist nicht immer einfach. Es bedeutet verschiedene Menschen zu koordinieren, auf Bedürfnisse der anderen einzugehen und dabei sich selber nicht zu vergessen. Ich habe die letzten vier Jahre alleine gelebt und hauptsächlich die Vorteile davon kennen und schätzten gelernt. Schon während der letzten Jahre war es manchmal eine Herausforderung wieder zu Hause bei meinen Eltern und Schwestern zu sein. Aber ich wusste, dass streiten auch okay ist, weil sie ja meine Familie sind und wir immer für einander da sein würden.

Jetzt ist es ein wenig komplizierter. Das Leben in einer Gastfamilie bringt das familiäre Zusammenleben auf das nächste Level. Von den anderen Teilnehmern meines Programms bekomme ich verschiedenes mit! Leider hat schon eine Teilnehmerin auf Grund ihrer Gastfamilie das Auslandsjahr abgebrochen. Andere haben sich in ihre neue Familie so sehr verliebt, dass sie nicht mehr aufhören können das allen auf Facebook mitzuteilen. Wenn ich das sehe frage ich mich wo ich einzuordnen bin. Ich glaube irgendwo dazwischen.

Ich bin wirklich sehr glücklich in meiner Gastfamilie gelandet zu sein. Meine Gasteltern haben beide im Ausland studiert. Die Eltern meiner Gastmutter, die ich kennenlernen durfte, haben einige Zeit in Deutschland gelebt, weil Ron dort stationiert war. Außerdem haben sie schon als meine Gastmutter noch klein war, immer wieder Gaststudenten aufgenommen. Zudem arbeitet meine Gastmutter an einem College viel mit internationalen Studenten zusammen. Meine Gastfamilie selber hat viele Jahre Gaststudenten aufgenommen. Allerdings bin ich die erste die mit einem Austasuschprogramm in den USA ist und nicht, weil ich hier meinen Abschluss machen möchte. Und ich bin auch noch das erste Mädchen.

Bild: mein neues Wohnzimmer

In der eigenen Familie, denke ich, lernt man die Bedürfnisse der Eltern und Geschwister von klein auf kennen, man lernt damit umzugehen und mache Dinge manchmal einfach nur auszuhalten. Vor allem, denke ich aber, dass man lernt Kompromisse einzugehen und zwar zusammen!

Ich habe mich hier langsam echt gut eingelebt. Ich fühle mich in St. Cloud sehr wohl, es ist eine herrliche, überschaubare Stadt. Zu studieren macht mehr Spaß, als erwartet und ich finde es schade, dass das Semester nächste Woche schon vorüber ist. Und ich dachte, dass ich auch langsam in meiner Gastfamilie angekommen sei, bis eine Woche vor Thanksgiving. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass einfach alles auf einmal zusammenkommt. Während man versucht sich in der Stadt und auf dem Campus einzuleben und genug Menschen kennenzulernen um nicht alleine dazustehen lernt man die Familie und ihre Regeln kennen. Ich habe versucht mich einzubringen ohne dabei in Fettnäpfchen zu treten und mich zu Hause zu fühlen. Ich lebe in eine Gastfamilie in der jeder sehr selbstständig ist. Wir haben bisher erst einmal zusammen gegessen und das war an Thanksgiving. Ansonsten kümmert sich jeder selber um sein Essen. Meine Gasteltern sind beide Vollzeit Berufstätig. Der ältere Gastbruder studiert in Minneapolis und der kleine ist so beschäftigt mit der Highschool und seinem Sport, dass man sich manchmal gar nicht zu Gesicht bekommt. Weil es mir auch wichtig war in der Uni Anschluss zu finden ist mein Rhythmus ein wenig anders als der meiner Gastfamilie, was die erste Zeit wohl auch okay war. Und ich hatte auch das Gefühl, dass wir gut miteinander auskommen bis mir meine Gastmutter gesagt hat, womit sie ein Problem hat. Ich möchte mich mit meiner Gastmutter nicht streiten, ich möchte das Jahr über gerne dortbleiben. Zudem habe ich meine Gastmutter als eine Frau kennen gelernt, der man eher nicht widerspricht, sondern Besserung gelobt. Ich möchte hier auf keinen Fall jemanden schlecht reden ich möchte mehr zeigen, dass es nicht immer einfach ist mit fremden Menschen zusammen zu leben, besonders wenn es auch noch in einem anderen Land ist.

Bild: Mit meinen Gastbrüdern und einem Freund an Thanksgiving

Ich habe mich nie als eine sehr direkte Person wahrgenommen, bis ich in den USA eines Besseren belehrt wurde. Und ich habe noch nie so indirekte Menschen getroffen, wie die Amerikaner, besonders aber meine Gastmutter. Es hat mich vier Monate gebraucht herauszufinden, dass sie viele Dinge durch die Blume sagt. Ich habe hier mit interkulturellen Differenzen zu kämpfen. Meine Lösung für das Problem ist mir Zeit zu geben, aber nicht unbedingt jeder um einen herum gibt mir die Zeit.

Thanksgiving hat einiges wieder eingerenkt. Ich habe es zusammen mit meiner Gastfamilie und einigen anderen verbracht. Dieses Jahr hat das Fest bei uns stattgefunden und das heißt, dass am letzten Donnerstag fünfundzwanzig Freunde und Verwandte meiner Gastfamilie zum Essen und zusammen sein da waren. Und wie der Name des Feiertages schon sagt ist es die Zeit gewesen um Danke zu sagen. Was ich gemeinsam mit einer Freundin gemacht habe. Claudia war ebenfalls eingeladen, den Tag mit uns zu verbringen, worüber wir uns beide sehr gefreut haben und deswegen ein Geschenk besorgt haben. Ich lerne hier mich zu bedanken, zu zeigen, dass ich aufmerksam bin und mitbekomme, was in der Familie abgeht. Das ist jetzt wieder leichter, weil wir alle ein erholsames Wochenende hinter uns gebracht haben und ich wieder mehr Zeit habe und mehr zu Hause bin. Außerdem habe ich verstanden, dass die Frage: „How are you?“ Eine ausführlichere Antwort braucht, als nur „I am fine“. Im Grunde genommen steckt da die Frage nach einem Tagesbericht drin. Das ist für mich auch indirekt. Ich bin es gewöhnt Fragen gestellt zu bekommen, wenn jemand interessiert ist. In den USA ist das offener. Es wird einfach erzählt.

Bild: Claudia und Ich beim Christbaum schmücken.

Ich habe festgestellt, dass es eine gute Erfahrung ist, die ich hier mache, dass ich unglaublich viel lerne, insbesondere über mich und andere Menschen. Aber auch, dass es wichtig ist offen zu sein gegenüber anderen Kulturen. Was ich aber auch weiß ist, dass die amerikanische Kultur nicht meine ist, dass ich kommendes Jahr wieder nach Hause reisen werde und dass Deutschland eigentlich voll okay ist.

 See you soon,
eure Clara

Veröffentlicht von

Clara Merkel

-Als gelernte Schneiderin nach Minnesota-

Seit August ’17 bin ich in den USA. Ich habe, dank des Parlamentarischen Patenschafts-Programms die Möglichkeit ein Semester an der St. Cloud State University zu studieren und danach in Amerika arbeiten zu dürfen.
Hier halte ich meine Erlebnisse und Erfahrungen und vielleicht auch mal einen Nähtip fest.
Viel Spaß ;)

Ein Gedanke zu „Gastfamilien…“

  1. Liebe Clara Merkel,
    vielen Dank für viele interessante Berichte! Ich wünsche Ihnen weiterhin tolle und spannende Erfahrungen und jetzt vor allem wunderschöne Feiertage und einen guten Rutsch ins Neue Jahr.

    Sie können sehr stolz auf sich sein!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.