Apprenticeships around the World

Als Orthopädietechnik-Mechanikerin in Schweden – Lynn Volk

Hej,
mein Name ist Lynn und ich habe durch Erasmus+ ein fünfwöchiges Praktikum in Schweden absolvieren können.
Schon bevor ich meine Ausbildung zur Orthopädietechnik-Mechanikerin begonnen habe, war für mich klar, dass ich irgendwann auch Berufserfahrungen im Ausland sammeln möchte.
Es traf sich daher wirklich gut, dass mir bei einem Termin in der Handwerkskammer ein Flyer mit dem Angebot eines Auslandspraktikums in die Hände fiel.
Ich machte einen Termin in der Mobilitätsberatung aus und nach einem umfassenden Gespräch war Schweden als mein Ziel gesetzt. 

Planung:
Nach dem Schritt ging es für mich mit der Planung los und das bedeutete, dass so einige bürokratische und organisatorische Hürden zu nehmen waren
(das Meiste läuft hierbei übrigens in Eigenregie).
Darunter fiel zuallererst die Absprache mit meinem Arbeitgeber, dem Orthopädietechnischem Zentrum Lichtenau und dem Betrieb in Schweden, der ForMotion Clinic.
Alleine erstmal den Praktikumsbetrieb zu finden, war für mich schon etwas herausfordernd. Glücklicherweise war in diesem Fall mein Chef eine große Unterstützung, da er selbst schon einen guten beruflichen Kontakt nach Schweden hatte.
Auch der durch die Schweden erstellte Kontakt zu einer ehemaligen deutschen Praktikantin von ForMotion, hat mir bei der Vorbereitung (z.B. die konkrete Empfehlung der gleichen Airbnb-Wohnung) sehr geholfen. Sie konnte mir durch Ihre Erzählungen und Erfahrungen schon einige Unsicherheiten nehmen.
Somit war schonmal ein großer Schritt getan, aber das war noch lange nicht Alles:
Bevor die Reise losgehen konnte, galt es, Zeiträume festzulegen und wichtige Dokumente zu besorgen. Anreise, Unterkunft sowie Abreise mussten ebenfalls geplant und gebucht werden.
Das war nicht ganz ohne, da vieles natürlich zeitlich nicht ganz abschätzbar ist.
Beispielsweise haben die Schweden wohl ein, sagen wir mal, etwas entspannteres Antwortverhalten. Und das hat, zumindest in meinem Fall, doch recht schnell zu knappen Abgabeterminen geführt.
Davon darf man sich nicht zu sehr beunruhigen lassen, sollte es aber beim Planen definitiv im Auge behalten.

Anreise:
Anders als ursprünglich gedacht, bin ich nach Stockholm geflogen, da ausgerechnet

an meinem Anreisetag keine Zugverbindung verfügbar war.
Das war tatsächlich etwas schade, da das Bahnfahren als grüne Reisemethode bei Erasmus+ mit mehr Fördergeld unterstützt wird. (So als kleiner Hinweis).
Allerdings konnte ich dann natürlich mit dem Flieger von einer kurzen und recht unkomplizierten Anreise profitieren.
Es hat alles gut geklappt und ich kam ohne Probleme einen Tag vor Praktikumsbeginn in meinem Airbnb an.

An dieser Stelle ein weiterer Tipp: Ich hätte mir rückblickend gerne etwas mehr Zeit vor dem Praktikumsbeginn eingeplant. Ein Tag Puffer vor dem Praktikumsstart beispielsweise, schafft etwas Raum zum Ankommen und Orientieren.

Praktikum:
Mein erster Arbeitstag führte mich durch den gut organisierten öffentlichen Verkehr
Stockholms. Ich habe glücklicherweise vorab darauf geachtet, dass der nette, kleine Vorort mit meiner Unterkunft eine möglichst einfache Verbindung zur Arbeit bieten kann.

Denn auch das kann viel Unsicherheit nehmen. Der Fakt, dass in Schweden mittlerweile nahezu alles bargeldlos abläuft, hat ebenso geholfen. Nur mit Karte oder Smartphone in der Tasche, kommt man gut zurecht. Trotzdem schaffte ich es, an Tag eins unentspannt und nervös am abgemachten  Treffpunkt anzukommen…das Zurechtfinden mit dem neuen System und die allgemeine Orientierung hat etwas mehr Zeit gekostet, als ich dachte. (Deshalb: Immer genug Zeit einplanen!)

Die ForMotion Clinic in Stockholm ist mit einer orthopädietechnischen Werkstatt ausgestattet und bietet eine ganze Breite von Versorgungen mit orthopädischen Hilfsmitteln an. Es war schon vorher ausgemacht, dass mein Schwerpunkt der Bereich der Prothetik sein würde. Sprich: Fertigung, Anpassung und Abgabe von Beinprothesen. Das ist derselbe Schwerpunkt, der auch für meine Ausbildung in Deutschland gilt, weshalb mir genau in diesem Bereich ein genauerer Einblick in andere Arbeitsmethoden und Herangehensweisen wichtig war. Ich wurde von zwei Mitarbeitern sehr freundlich empfangen und man hat mich erst einmal durch den Betrieb geführt und vorgestellt.

Dabei wurden mir in aller Ruhe die Inhalte und der täglichen Ablauf erklärt. Meine Aufgabe war in erster Linie das Begleiten von Terminen und  Werkstattprojekten. Jeden Tag wurde geschaut, welche Projekte für mich am interessantesten sein könnten und ich durfte vieles selbst ausprobieren und bei Interesse kleinere Aufgaben übernehmen. Ein Beispiel dafür ist das Erstellen von einem Gipsabdruck direkt am Patienten. Außerdem habe ich mit Leder gearbeitet, genäht und so einiges geklebt, geschraubt und geschliffen.

In meinem Beruf geht es viel um Maßanfertigung und individuelle Anpassung. Das lässt sehr viel Freiraum für verschiedenste Methoden und Ideen und genau das war sehr spannend zu vergleichen. Mir war einiges schon bekannt und vertraut, aber vor allem das andere Gesundheitssystem und eine andere Arbeitsteilung unter den Technikern hat mir einen viel weiteren Blick auf das Berufsfeld ermöglicht. Die Strukturierung und der Umgang untereinander (sowohl kollegial, als auch mit den Patienten) ist mir sehr positiv aufgefallen. Auch die Offenheit und Selbstverständlichkeit, mit der ich an Prozessen teilhaben konnte, habe ich sehr geschätzt.

Hilfreich war für mich besonders, dass ich zu keinen Tätigkeiten fest verpflichtet war. Denn gerade zu Beginn raubt allein das Verarbeiten der neuen Situation und der neuen Sprache schon genug Energie. Da ist es gut, wenn man sich immer mal wieder etwas zurücknehmen und einfach nur dabei sein kann. Ich spreche, wie die Schweden, zwar gutes Englisch, habe es für mich aber etwas unterschätzt. Die tägliche Kommunikation in einer anderen Sprache gehört natürlich dazu und wird einem nicht abgenommen. In meinem Fall haben mich die Termine mit den Patienten mit Abstand am meisten Konzentration und Anstrengung gekostet, denn wenn man den Beratungen und Gesprächen folgen möchte, muss man gut aufpassen. Ich spreche kein Schwedisch, aber das Schöne war, dass man als Deutsch- und Englischsprachige eine gute Basis hat und vieles mit Kontext gut zu verstehen ist. Es
motiviert, wenn man dadurch bei sich selbst innerhalb kürzester Zeit Fortschritte
beobachten kann.

Freizeitmöglichkeiten:
In der Freizeit bietet sich hier besonders die Erkundung der Natur an, denn Schweden ist bekanntlich ein weites und dünn besiedeltes Land mit vielen

Naturschutzgebieten. Das Meer mit seinen tief liegenden Buchten ist nah und im Umland gibt es unzählige Seen, Wälder und Felsformationen. Für mich, als jemand, der gerne draußen unterwegs ist und durch die Natur spaziert, war das genau das Richtige. Stockholm selbst hat zudem natürlich auch alles zu bieten, was man von einer Großstadt so in der Regel erwartet. Viele Restaurants, um schwedisch essen zu gehen, eine Altstadt und einige Museen, von denen ich das bekannte Vasa-Museum nur empfehlen kann.

Verabschiedung/Rückreise:
Fünf Wochen sind schnell vorbei und zum Ende des Praktikums bereitete ich ein kleines
Abschiedsgeschenk vor. Es waren schlicht ein paar Süßigkeiten, die so in Schweden eher nicht zu finden sind und dazu noch eine Karte mit Danksagungen.
Der Abschied lief wie der Empfang – einfach, entspannt und unkompliziert.
Das scheint die Schweden wohl auszumachen.


Da ich in der Praktikumszeit nicht weit aus Stockholm rausgekommen bin, hatte ich schon vorher beschlossen, die Chance zu nutzen und eine Woche Urlaub anzuhängen, in der ich das Land weiter erkunden kann. Durch den nördlichen Teil von Schweden zu reisen, Landschaften und Orte außerhalb der Zentren zu erkunden, war definitiv mein persönliches Highlight.
Ich kann es nur unbedingt empfehlen!

Fazit:
Ich muss sagen, dass dieses Praktikum für mich eine sehr wertvolle Erfahrung war. Es ist definitiv eine Erweiterung der Ausbildung, die anderen Perspektiven ermöglicht. Für mich war es gerade im Blick auf meinen Beruf extrem hilfreich. Mich begleitet der Gedanke, vielleicht irgendwann im Ausland zu arbeiten und auch hierbei kann die erste Kontaktaufnahme schon ein guter Anfang sein. Letztlich ist es wichtig, für den Ablauf genug Zeit einzuplanen. So lässt sich in mehreren Bereichen einiges an überflüssigem Stress vermeiden. Also Anreisetag(e) großzügiger ausdehnen und den ersten Tag gut planen (Bus, Bahn, wo muss ich genau hin, erster Ansprechpartner etc.). Ein frühzeitiger Planungsbeginn ist sinnvoll, da es einiges an Absprachen und Dokumentenarbeit bedarf. Die Sprache ist zu Beginn naturgemäß anstrengend, aber man gewöhnt sich doch recht an sie, zumal viel Rücksicht genommen wird. Trotzdem sind gute englische Grundkenntnisse sehr hilfreich und erleichtern die Kommunikation. Gerade in Schweden, denn da beherrscht es nahezu jeder. Insgesamt sollte man sich bewusst sein, dass das Praktikum mit sehr viel Aufwand verbunden ist, was aber definitiv lohnenswert ist.

Ich würde es wieder auf mich nehmen.

Als Kauffrau für Groß- und Außenhandelsmanagement in Schweden – Sophia Menzel

Auslandspraktikum in Schweden

Im zweiten Lehrjahr meiner Ausbildung, zur Kauffrau für Groß- und Außenhandelsmanagement, absolvierte ich ein vierwöchiges Auslandspraktikum in Schweden.

Meine Reise begann am Sonntag, den 24. September 2023. Angekommen am Bahnhof in Malmö wurde ich von Berth H., dem schwedischen Kontakt der Mobilitätsberatung, empfangen. Er brachte mich zu meiner Unterkunft und stellte mich meinen Gasteltern vor. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass sie, und ihre beiden Töchter mir sehr ans Herz wachsen, und die gemeinsamen  Fernsehabende mit „Swedens Idol“ zu einer Tradition werden würden.

– Lukie, die Katze meiner Gasteltern

Am nächsten Tag wurde ich von Berth zu meine Praktikumsbetrieb gebracht: die Firma Ahlsell.  
Dort angekommen hatte ich zunächst ein Meeting mit dem Filialleiter, welcher mich herzlich begrüßte. Nach einem Einführungsgespräch und einem Firmenrundgang begann schon direkt mein Arbeitsalltag.

 

Da sich die Firma zu der Zeit in Umbau- und Vergrößerungsmaßnahmen befand, bestand meine Hauptaufgabe in den nächsten Wochen aus dem Abbauen alter Regale und dem Aufbauen und Auffüllen neuer Regale. Dass diese Arbeit komplett von meinen Arbeitsaufgaben in Deutschland abwich, hat mich überhaupt nicht gestört. Denn so konnte ich die jungen „Sommerarbeiter“, welche in meinem Alter waren, besser kennen lernen. Mit Phillip, Oskar, Emma und Ludwig hatte ich wirklich eine wunderbare Zeit.

– brunchen im Café Jord

Aber natürlich habe ich nicht nur Regale auf- und abgebaut. Ich wechselte alle paar Tage die Abteilung und konnte so viele verschiedene Einblicke bekommen. Vormittags half ich bei der Warenannahme und -kontrolle, nachmittags war ich häufig an der Kasse beschäftigt. Aber auch bei der Warenbestandsprüfung, der Inventur, Bestellungen und der Kundenbetreuung half ich mit.

Meine Highlights an der Arbeit waren die Frühstück-, Mittags- und Kaffeepausen. Dort kam ich bei Knäckebrot, Zimtschnecken und Kaffee mit vielen netten Arbeitskollegen ins Gespräch.

– Fika (sv: „Kaffeepause“)

In meiner Freizeit habe ich auch viel erlebt. Noch vor meiner Anreise hatte ich mir mit Google Maps eine Karte von Malmö und Umgebung erstellt und alle möglichen Plätze, Wege, Cafés und Bars markiert, die ich besichtigen wollte. Tatsächlich konnte ich alle Punkte meiner Karte abarbeiten, denn ich hatte Glück mit dem Wetter, am Wochenende schien immer die Sonne.

Mein Highlight der Reise war der Wochenendausflug mit zwei Freunden aus Deutschland. Wir sind mit dem Auto nach Ystad gereist, eine Stadt an der schwedischen Südküste, und am Meer entlang wieder zurück nach Malmö gefahren.

Mein Highlight der Reise war der Wochenendausflug mit zwei Freunden aus Deutschland. Wir sind mit dem Auto nach Ystad gereist, eine Stadt an der schwedischen Südküste, und am Meer entlang wieder zurück nach Malmö gefahren.

Die Zeit in Schweden verging, wie im Flug und schon bald war die letzte Woche angebrochen. Der Gedanke an meine Abreise löste in mir gemischte Gefühle aus. Einerseits freute ich mich meine Familie und meine Freunde aus Deutschland wiederzusehen, andererseits wusste ich, dass mir der Abschied schwerfallen würde. Die Schweden sind mir echt ans Herz gewachsen.

Und so kam es wie es kommen musste, und es war Freitag, der 20. Oktober 2023, mein letzter Arbeitstag. Kurz vor Feierabend versammelten sich alle Mitarbeiter an der Kasse und mir wurde eine riesengroße Musikbox überreicht. „Because you love to listen to music. And now you will think of us, when you are back in Germany!“, sagte mein Filialleiter. Auch ihm viel der Abschied schwer ,Or you Stay here an keep working at Ahlsell. We would be very happy“ sagte er scherzhaft.

Meinen letzten Abend verbrachte ich mit meinen Gasteltern. Wir machten gemeinsam Burger und sahen uns die ein letztes Mal zusammen die Serie „Swedens Idol“ an. Wir tranken und redeten noch bis spät in die Nacht. Am nächsten Tag stand meine Abreise an, und ich wurde von Berth H. an den Bahnhof gebracht.

Abschließend kann ich sagen, dass diese vier Wochen mich maßgeblich geprägt haben. Ich habe so viele unglaublich nette und großartige Personen kennen gelernt und so viel Schönes gesehen. Noch oft denke ich an diese Zeit zurück. Und eins ist klar: mein nächster Urlaub geht nach Schweden!

Als Maßschneider in Schweden – Sina Kase

im 2. Lehrjahr in Stockholm

Von Sina Kase, 21 Jahre, aus Waldeck-Frankenberg, Auszubildender in Kassel

Ich erhielt die Empfehlung für den Praktikumsplatz von einer anderen Auszubildenden und hatte das Glück, mein Praktikum in Stockholm zu absolvieren. Das Theater befindet sich direkt neben dem Schloss Drottningholm, wo auch die schwedische Königsfamilie wohnt, und ist ein original erhaltenes Barocktheater aus dem Jahr 1766. Es ist der schönste Ort der Welt, vor und hinter der Bühne. Die Kostüme, an denen ich mitgearbeitet habe, auf dieser Bühne zu sehen, in so einer tollen Oper, war eine Ehre für mich.

Die Schneiderwerkstatt befand sich neben dem Theater in einem alten Pavillon, der neben der Schneiderwerkstatt auch noch den Theatershop, die Übungsräume des Orchesters, die Werkstatt der Perückenmacher, den Pausenraum der gesamten Crew und die Räume der Bühnentechniker beherbergte. Die Räume wurden nie um-, nur ausgebaut, deshalb sind viele Decken-, Boden- und Wandbemalungen und Gemälde noch original erhalten und gaben den Arbeitsbereichen einen gewissen Charme.

In der Schneiderwerkstatt arbeiteten wir meistens zu viert, es herrschte übliches Chaos und Unordnung, und wir mussten uns bei der Nutzung von Nähmaschinen und Bügelanlagen gut absprechen. Die Gewandmeisterin hatte einen eigenen Arbeitsraum mit Büro, in dem auch alle Anproben stattfanden. Eine fest angestellte Schneiderin, eine saisonal eingestellte Schneiderin, eine weitere Praktikantin und ich arbeiteten in der richtigen Werkstatt. Trotzdem waren die Hierarchien niedrig, wir sprachen uns alle beim Vornamen an und ich wurde nie herablassend behandelt, wie ich es aus vergangenen Praktika in Deutschland kannte. Ich verstand mich gut mit meinen Kolleginnen.

Da ich in den letzten vier Wochen vor der Premiere dort war, waren die meisten Kostüme schon fertig. Die zweite Praktikantin und ich nahmen letzte Pass- und Dekoänderungen vor und nähten Knöpfe und Verschlüsse an. Allerdings fing ich direkt damit an, die Kostüme des Orchesters zu fertigen, im Laufe des Praktikums fertigte ich sieben Hemden und um die zehn Westen, alle grob im Stil des 17. Jahrhunderts. Eine dieser Westen wurde von einem Sänger und Schauspieler auf der Bühne getragen, alles andere vom Orchester.

Mit allen angewandten Techniken entsprach das fast meinem Können, und so lernte ich im Praktikum vor allem effizientere Fertigungsabläufe und den Arbeitsablauf vor einer Premiere im Theater kennen. Ich fand das sehr interessant und trotz der immer gleichen Kleidungsstücke, die ich fertigte, abwechslungsreich. Meine Arbeiten unterschieden sich nicht großartig von den ausgelernten Schneiderinnen, die im Unterschied zu mir letzte Kostümteile wie Umhänge, Röcke und Hüte fertigten und mit der Gewandmeisterin letzte Entscheidungen über die Designs trafen und uns Praktikanten anleiteten. Meine Arbeitsabläufe und die Fertigungstechniken für die Hemden und Westen erarbeite ich mir so selbstständig nach dem, was ich gelernt hatte. Ich lernte aber auch, dass sich klassische Maßschneiderverarbeitung in einigen Punkten sehr von den Techniken im Theater unterscheidet. Im Theater wird viel mehr improvisiert, je nach Kostüm und Accessoire auch mal getackert und geklebt, und da manche Kostüme für andere Aufführungen wiederverwendet werden, viel mehr mit Fokus auf einfach Abänderung gearbeitet. Zum Beispiel reparierte ich Westen und Hosen, die die Namensschilder von bis zu vier anderen Schauspielern aus vier anderen Stücken trugen und zwischendurch kein einziges Mal gewaschen wurden, weil das Material dies nicht zuließ.
Den Einblick in den Berufsalltag würde ich somit als sehr akkurat bezeichnen. Wir Praktikanten arbeiteten genau dieselben Stunden wie die Schneiderinnen, Überstunden derer ausgenommen, und machten dieselben Pausen. Die Liebe der Schneiderinnen zum Handwerk wurde in ihrer Arbeitsmoral sichtbar, und ich fand es wirklich schön zu sehen, dass alle mehr als nur einen Job zum Geldverdienen arbeiteten. Es war ein gesundes Arbeitsumfeld und ein gesundes Verhältnis zur Arbeit, die sich wirklich gelohnt hat, denn das Ergebnis auf der Bühne war wirklich phänomenal.

Vor der Premiere haben wir auch mit einigen Mitarbeitern des Theaters ein Konzert besucht. Ein Mitglied des Orchesters, Jonas Nordberg, ist ein bekannter Lautenspieler und hat im Barocktheater auf Schloss Gripsholm Konzerte gegeben, von denen wir eins besucht haben. Der Kurztrip nach der Arbeit dorthin und in das anschließende Dorf Mariefred war eine sehr schöne Erfahrung.

Dadurch, dass fast alle Abteilungen des Theaters im selben Haus arbeiteten oder kursierten, bekam ich kurze Einblicke in die Arbeit der Bühnentechniker, des Orchesters, der Operndirektorin und des Choreographen. Ich führte Gespräche mit einigen interessanten Personen, wo sich die Gelegenheit ergab. Ich hörte das Orchester proben, hörte die Leute in diversen Sprachen im Pausenraum reden. Die Oper erschien mir so wie das Ergebnis der Leidenschaften einzelner Künstler und ich habe es geliebt.

Meine Zeit in Stockholm war auch abseits des Praktikums sehr erfüllend. Es war das erste Mal, dass ich alleine soweit reiste und musste mich zum ersten Mal selbst versorgen, weil ich noch nicht von zu Hause ausziehen konnte. Es hat wieder aller Erwartungen Spaß gemacht und sehr gut geklappt. Bloß bin ich ein schrecklicher Koch. Ich hatte mir für die vier Wochen ein Zimmer gemietet und hatte so gleich auch eine Mitbewohnerin und zwei Katzen. Die Wohnung befand sich in einem Wohngebiet nahe einer S-Bahn-Station und einem Einkaufszentrum, mein Ausblick sowie das ganze Stadtbild war aber von Grünflächen, Bäumen und riesigen Wohntürmen geprägt. Mir wurde bewusst, wie gut die Abwesenheit von Autos wirklich tat.

An den Wochenenden besuchte ich so viele Museen wie ich nur konnte und erkundete die Innenstadt Stockholms. Ich entdeckte einen Flohmarkt und lief sogar in der Pride Parade mit. Durch den sehr gut ausgebauten ÖPNV (laut meiner Kollegen „ausreichend“, aber ich bin Deutsche Dorfverhältnisse gewöhnt) kam ich überall gut mit S-Bahn, Tram, Bus und zu Fuß an. Es gab eine Bootsverbindung direkt in die Innenstadt, kostenlos für Mitarbeiter und mit einer tollen Aussicht. Historische Häuser, Wohntürme und modernste Infrastruktur stand im Einklang mit Wäldern und riesigen Meeresarmen, da die Stadt sich über zahlreiche Inseln erstreckt. Auf meinem Weg zur Arbeit überquerte ich zwei Meeresarme, beide so breit wie riesige Flüsse wie der Rhein. In einer Großstadt zu wohnen, war für mich als Dorfkind eine tolle Erfahrung, und in Stockholm, mit so einer viel fortgeschritteneren Infrastruktur als in Deutschland, umso positiver.

Am Ende des Praktikums wollte ich eigentlich gar nicht gehen. Ich hatte mich so schön eingearbeitet und eingelebt und fühlte mich so geborgen wie Zuhause. Das Praktikum im Ausland zu machen war komplett meine eigene Entscheidung, die Planung desselben die schlimmste Phase meines Lebens und fast komplett ohne die Hilfe meiner Eltern, und während meines Praktikums war jede einzelne Entscheidung im Alltag über mich selbst meine eigene. Ich war gewissermaßen völlig unabhängig. So habe ich, trotz der teils anstrengenden Arbeit oder der entwickelten Routine, mich wirklich lebendig und frei gefühlt und habe über meinen Beruf hinaus fürs Leben gelernt.
Ich habe große Träume und Ziele für die Zukunft, so viel dass ich noch abseits von der Schneiderei lernen und machen will, aber dank diesem Praktikum weiß ich eins: Wenn ich für den Rest meines Lebens als einfacher Schneidergeselle oder Meister in einem Theater arbeiten würde, hätte ich nichts dagegen. Es wäre ok. Es wäre auch so ein erfülltes, schönes Leben. Und ich bin dankbar, dass ich diese Möglichkeit hatte und froh, dass ich sie ergriffen habe.